Mo 02.11.09

20 Jahre nach der Wende: Reisebüros im Osten


Die Konkurrenz unter ostdeutschen Agenturen ist größer als je zuvor

Ein Ansturm, der nie wieder kommt: DDR-Bürger 1990 vor dem Leipziger Reisebüros Stroh, das noch heute existiert.
Ein Ansturm, der nie wieder kommt: DDR-Bürger 1990 vor dem Leipziger Reisebüros Stroh, das noch heute existiert. Foto: ta-Archiv

In den nächsten Monaten wird es unter den ostdeutschen Reisebüros eine ganze Reihe runder Jubiläen geben. Denn etliche Agenturen feiern 20-jähriges Bestehen. Sie wurden unmittelbar nach der Wende von Existenzgründern aufgemacht, die ohne Erfahrung, aber mit viel Mut und Tatendrang ins kalte Wasser sprangen. Und bis heute, teilweise sehr erfolgreich, überlebt haben.

„Das war eine wilde Zeit“, erinnert sich Angela Sommerlatte, heute Verkaufsleiterin Ost bei Thomas Cook, an die Anfänge. Fast 20 Bezirksverkaufsleiter aus ganz Westdeutschland machten sich Anfang 1990 – teilweise im Wohnmobil – auf den Weg durch die ostdeutschen Städte und Dörfer und vergaben massenhaft Neckermann-Agenturen. Für die Neueinsteiger gab es eine Kurzschulung, und das Geschäft konnte losgehen.

Auch für Rainer Babbe aus der TUI-Verkaufsleitung Ost war die Zeit prägend. Von Berlin aus schulte er damals mit zeitweise über 20 Kollegen ostdeutsche Firmengründer, Woche für Woche kamen „mehrere Dutzend“ Neuagenturen hinzu. „Wir waren Ansprechpartner für alle Fragen“, erinnert sich Babbe, „Wie gründet man ein Reisebüro“ oder „Wo liegt der Ballermann?“

Ruckzuck hatten die Veranstalter, allen voran Neckermann, TUI und ITS, denn auch ihr Vertriebsnetz quer durch die neuen Bundesländer stehen. Dabei entstand eine enorme Reisebüro-Dichte, die bis heute deutlich höher ist als im Westen. Während etwa in Hamburg auf 100.000 Einwohner zwölf Reisebüros, in Stuttgart elf und in Lübeck neun Agenturen kommen, lauten die Werte in Cottbus, Leipzig und Chemnitz 22, in Erfurt 24, in Gera 26 und Zwickau gar 28, hat DER-Marktforscher Werner Sülberg analysiert. Ein Reisebüro in Zwickau muss sich damit statistisch gesehen mit 3.571 Kunden begnügen. Und das bei deutlich geringerer Kaufkraft als im Westen.

Wie die Reisebüros im Osten unter derart rauen Bedingungen überleben, das fragen sich nicht nur die Vertreter der Großveranstalter. Man sei „vielleicht genügsamer“, formuliert es ein Büroinhaber. „Und krisenresistenter“, ergänzt Manuel Molina, Chef der Dresdner Kooperation TSS. Denn in den vergangenen 20 Jahren hätten die ostdeutschen Reisebüros mehr Höhen und Tiefen erlebt als ihre Kollegen im Westen.

Aus Sicht des TSS-Chefs war es „gut und richtig“, dass nach der Wende im Osten Deutschlands so viele Reisebüros entstanden sind. Denn „der Bedarf war einfach da“, verweist Molina auf Zuwächse von teilweise 20, 40 oder gar 60 Prozent pro Jahr. „Das hat der gesamten Touristikbranche einen wahnsinnigen Schub gegeben.“ Die Frage, ob die vielen Reisebüros in ihrer Struktur auch heute noch überlebensfähig sind, beantwortet er ohne zu Zögern mit „ja“.

Allerdings hat in den vergangenen Jahren durchaus eine Bereinigung stattgefunden: Laut DER-Marktforschung ist die Zahl der Reisebüros in Ostdeutschland von 1997 (nach dem Auslaufen der ersten Kredite) bis 2008 um ganze 35 Prozent zurückgegangen, von 3.168 auf 2.059 (Büros mit mindestens einer Veranstalteragentur, Iata oder DB-Lizenz). Im Westen sank die Zahl der Reisebüros zwar ebenfalls. Mit 21 Prozent fiel das Minus aber deutlich kleiner aus.

Jürgen Baltes

 

Das 20-jährige Wende-Jubiläum nimmt touristik aktuell zum Anlass, in der aktuellen Ausgabe 43 auf die touristische Seite der DDR und der Wendezeit zu blicken.

 

Weitere Nachrichten zu Reisebüros