Di 04.10.16

Unentdeckt


Ecuador: Auf den Spuren Alexander von Humboldts entdecken Forscher im Bergnebelwald noch heute unbekannte Tierarten


Klein, gelb, Glubschaugen: der Mashpi-Frosch

Klein, gelb, Glubschaugen: der Mashpi-Frosch

Forscher Morochz mit einer kleinen Baumschlange

Forscher Morochz mit einer kleinen Baumschlange

Der Bergnebelwald Ecuadors ist die Heimat zahlreicher Spezies. Fotos: ws

Der Bergnebelwald Ecuadors ist die Heimat zahlreicher Spezies. Fotos: ws

Die Schlange im Licht der Stirnlampe erstarrt. Eben noch wähnte sie sich unsichtbar in der Finsternis, lautlos auf ihrem Beutezug durchs Geäst gleitend, kaum erkennbar selbst für übergroße Froschaugen. Aber Carlos Morochz hat sie längst entdeckt. Unerschrocken greift der junge Biologe ins Gebüsch. Das fingerdicke Tier windet sich um seine Hand. „Sibon nebulata. Eine Baumschlange. Sie tut nichts“, sagt Morochz, „gefährlich ist diese Art nur für Kleintiere und Insekten.“ 

Die Nacht von Mashpi ist voller unbekannter Krea‧turen und Stimmen. Aus dem Unterholz und aus den Baumkronen tönt das Quaken und Pfeifen der Frösche. Morochz ist auf der Suche nach einer besonderen Art. Erst vor wenigen Monaten wurde sie zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben: Hyloscirtus Mashpi, der Mashpi-Bachfrosch, ist sozusagen sein eigener Frosch. Dem Biologen fiel schon vor Jahren auf, dass der Winzling sich deutlich von einer ähnlichen Froschart unterscheidet, die in höheren Gebirgslagen lebt. 

Der Strahl seiner Stirnlampe wandert weiter durch das Pflanzengewirr. Innerhalb von wenigen Minuten entdeckt er einen Zwergleguan, Vogelspinnen, Tausendfüßler und faustgroße Grillen. 

Wenn Touristen die Bergwälder und Vulkanlandschaften des Andenstaats erkunden, wähnen sie sich noch heute auf den Spuren Alexander von Humboldts, der 1802 Ecuador durchstreifte und unzählige Tier- und Pflanzenarten zum ersten Mal erfasste. Die Aufzeichnungen zu seiner Expedition lässt Forscher noch heute träumen. 

„Es ist schon etwas ganz Besonderes, eine eigene Art zu entdecken“, sagt Morochz. „Andererseits aber auch wieder keine große Überraschung: Es ist eine der am wenigsten erforschten Regionen.“

Das Mashpi-Schutzgebiet ist Teil des Choco-Bergnebelwalds, der sich westlich der Anden von Panama bis in den Norden Ecuadors zieht.

Seit sechs Jahren forscht der 29-jährige Ecuadorianer hier. Gäste der luxuriösen Mashpi Lodge können ihn auf seinen Streifzügen begleiten. „Als ich das erste Mal hier war, hat es mir fast die Sprache verschlagen.“ 400 der mehr als 1.600 Vogelarten Ecuadors leben hier auf wenigen Quadratkilometern, darunter allein 35 Kolibriarten.

Doch der einzigartige Biodiversitäts-Hotspot ist bedroht. „Nur etwa acht Prozent des Bergnebelwalds in Ecuador stehen noch“, sagt Morochz. „Viele Arten sind wahrscheinlich für immer verschwunden, bevor sie überhaupt erst entdeckt wurden. Und es wird weiter Urwald gefällt.“ 

Mit einem spitzen dreiteiligen Pfiff ahmt Morochz den Lockruf der neuen Froschart nach. Und tatsächlich: Er erhält Antwort.

Es ist Hyloscirtus Mashpi. Auf einer zusammen‧gerollten Blattspitze wartet der ungeküsste Prinz der Baumfrösche und sieht den Biologen aus bernsteinfarbenen Glubschaugen an.

 

Win Schumacher

Bergnebelwald Ecuadors
Beim Luxusreiseveranstalter Windrose Finest Travel aus Berlin ist der Regenwald im Programm, er stellt auch Reisen auf den Spuren Alexander von Humboldts zusammen. Die Mashpi Lodge liegt inmitten des Choco-Bergnebelwalds. Infos unter www.mashpilodge.com.


 

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