Reisebüros im Porträt

Teil 15 - Selected Travel, Schwalbach

Die Kunden schätzen das Reisecafé – und kommen sowohl zum Urlaubbuchen als auch zu Quiz-, Comedy- und Live-Musik-Abenden

Die Kunden schätzen das Reisecafé – und kommen sowohl zum Urlaubbuchen als auch zu Quiz-, Comedy- und Live-Musik-Abenden. Foto: Selected Travel

Einrichtung mit Stil
Gemütliche Loungemöbel laden zum Verweilen ein

Dirk Kattendicks Reisebüro befindet sich nicht gerade in einer Eins-a-Lage. Laufkundschaft gibt es kaum, das Einkaufszentrum Schwalbachs ist weit entfernt. Und dennoch ist Selected Travel weit über die Grenzen des Taunus-Örtchens in der Nähe von Frankfurt am Main bekannt. Grund dafür ist Kattendicks besonderes Konzept.

Denn er und seine Kollegin Alina Kreiner verkaufen nicht nur Reisen. Sie bieten auch Kaffee und Kuchen, Wein, Getränke und Snacks an. Selected Travel ist Reise-Agentur und Café in einem. „Wobei der Fokus ganz klar auf Reisebüro liegt“, betont Kattendick. „Damit verdienen wir unser Geld.“

Gemütlich ist es in dem großen Raum: Lange Holztische stehen in der Mitte, die Seiten sind in Themenbereiche unterteilt. Es gibt eine Nordsee-Ecke mit Strandkörben, eine Sitzgruppe vor einem Kamin und eine New-York-Lounge. Herzstück ist die große offene Bar mit Kühlschrank, Kaffeemaschine & Co.

Traum von etwas „ganz Neuem“
Die Kataloge sind in einem separaten Raum untergebracht. Vereinzelt hängen Broschüren an den Säulen. Counter sucht man vergebens.

Zwar haben die beiden Reiseexperten Arbeitsplätze. „Die haben wir jedoch verkleidet und in das Café integriert“, sagt Kattendick. Beraten werden die Kunden per Laptop – und zwar dort, wo sie sich besonders wohlfühlen.

Die Idee eines Reisecafés spukte Kattendick bereits während seiner Zeit als Inhaber eines LCC-Büros durch den Kopf. 25 Jahre arbeitete er dort, in dem Haus direkt gegenüber seines heutigen Reisecafés. „Es war wie in einer Bank, irgendwann war ich der Arbeit überdrüssig“, erzählt er. Die Vorstellung, etwas ganz Neues zu machen, ließ ihn nicht mehr los.

2014, knapp vier Jahre nachdem er das Büro verkaufte und „nur“ noch als Geschäftsführer dort arbeitete, entschied Kattendick zu gehen. Einen Plan B hatte er damals nicht. „Ich sah mich schon Autos verkaufen, doch ich bin nun einmal mit Leib und Seele Reiseverkäufer“, erzählt er heute. Und so meldete er wieder ein Gewerbe an, fing an, von zu Hause aus zu arbeiten. „Doch das war nichts für mich. Und so entstand die Idee für das Reisecafé.“

Er mietete die leer stehenden Räume der ehemaligen Schlecker-Filiale – sein altes Reisebüro hatte mittlerweile zugemacht – und baute sie mit zwei Freunden nach seinen Vorstellungen um. Gemütlich sollte es sein. „Großen Wert habe ich auf eine entspannte, offene und fast familiäre Atmosphäre gelegt.“

Kaffee allein ist kein Geschäft
Wer in das Büro des 51-Jährigen kommt, ist prinzipiell erst einmal Kaffeegast. „Er kommt auf uns zu, wenn er beraten werden will. Aktiv sprechen wir ihn nicht an“, sagt Kattendick. Und fügt hinzu, dass er nur wenige reine Kaffeegäste habe. „Die Hemmschwelle ist wahrscheinlich doch groß, viele haben wohl Bedenken, dass ihnen zum Kaffee gleich noch eine Reise aufgeschwatzt wird.“

Auch wenn Selected Travel im Tagesgeschäft als Café nicht stark frequentiert wird, so geht für den Reiseexperten das Konzept dennoch auf. Denn die außergewöhnlichen Räume, die mit Beamer und Leinwand ausgestattet sind, werden oft für Veranstaltungen genutzt und angefragt – von Puppentheater über Quizabende und Cocktail-Abende bis hin zu Livemusik, Comedy, Geburtstagen und Vortragsabenden. „Auch wenn wir damit nicht unser Geld verdienen, so ist der Werbeeffekt doch enorm“, sagt Kattendick. Einige der Gäste seien bereits wiedergekommen – als Reisebüro-Kunden.

Und nicht nur die mögen das Reisecafé. „Ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl ‧gefühlt und habe diese Entscheidung noch an keinem Tag bereut“, sagt Kattendick, der mit seinem Büro beim Globus Award 2018 von touristik aktuell Platz acht eroberte.

Noch wichtiger für ihn: Der Umsatz stimmt. 2018 lag er bei rund 1,5 Millionen Euro – allein aus der Touristik. Die Tendenz? Steigend.

 
Von Ute Fiedler