Reisebüros im Porträt

Teil 16 - L'Tur, Hamburg-Reeperbahn

Auch einen Kaffee kann man in der L'Tur Filiale trinken - und die Leute beobachten

Auch einen Kaffee kann man in der L'Tur Filiale trinken - und die Leute beobachten. Foto: uf

An diesem Counter erleben die Reiseverkäufer so einiges
Maryam Komeyli und Karim Adnane sind ein eingespieltes Team

„Meine kleine Ponderosa“, so nennt Maryam Komeyli ihre L’Tur-Agentur auf der Reeperbahn. „Draußen tobt der Wilde Westen und hier drinnen ist es gemütlich.“

Es ist kurz vor 21 Uhr. Vor dem Reisebüro zieht ein Junggesellenabschied vorbei, Betrunkene grölen. Komeyli und Büroleiter Karim Adnane sitzen in ihrem heimeligen Verkaufsraum. Leise Musik dudelt aus den Lautsprecherboxen, ein junger Mann sitzt auf einer Ledercouch in der Café-Bar-Ecke, die wie eine Flughafen-Lounge gestaltet ist. Vor Adnane ein Pärchen, das kurzfristig in den Urlaub reisen will.

Nach mehreren Angeboten scheint die Entscheidung gefallen. Die beiden jungen Leute packen ihre Sachen zusammen. Sie wollen Geld holen und später wiederkommen. Später? „Unsere Kern‧arbeitszeit ist bis 22 Uhr, aber wir sind immer länger da, auch mal bis 2, 3 Uhr, je nachdem was zu tun ist“, sagt Komeyli.

Eben diese Arbeit zu später Stunde war das, was die 56-Jährige reizte, als sie vor 15 Jahren die Agentur auf Hamburgs sündiger Meile eröffnete. „Die Idee kam mir, als ich abends schwer krank im Bett lag und Lust auf heiße Milch mit Honig bekam. Ich suchte mir einen Nachtsupermarkt und war begeistert. Warum sollte nicht auch ein Nacht-Reisebüro funktionieren?“

Viele Familien buchen dort
Die Idee ließ Komeyli, die damals bereits am L’Tur-Counter am Flughafen arbeitete, nicht mehr los. Schließlich gab TUI das Okay für den Umbau eines ehemaligen Sex-Shops.

Das Reisebüro auf dem Kiez eröffnete am 18. Januar 2004, Punkt 14 Uhr. „Und dann passierte erst mal nichts.“ Kein Kunde kam. „Ich wurde nervös, schließlich bin ich ein großes Risiko eingegangen.“ Nach scheinbar endlosen Stunden entdeckte schließlich ein Flughafen-Kunde Maryam. Und gegen 20.30 Uhr hatte Komeyli ihre ersten Tickets verkauft.

Mit der Zeit kamen immer mehr Urlauber in das pinkfarbene Büro. Auch die Nachbarn vom Kiez zählt Komeyli zu ihren Kunden. „Wir kommen ihnen bei ihren Geschäften nicht in die Quere, sie respektieren uns“, sagt sie und räumt mit dem Vorurteil auf, dass Reisen an den Ballermann bei ihr Verkaufsschlager seien. „Man darf nicht vergessen, dass wir uns mitten in einem Wohngebiet befinden. Auch Familien buchen hier.“ Vor allem Reisen nach Dubai, Thailand und die Türkei seien gefragt.

Unzählige Anekdoten kann Komeyli erzählen: Von einem Paar aus Schwerin, das abends im Internet ein besonderes Angebot entdeckt hatte. „Der Flieger ging um 6 Uhr von Düsseldorf, auf dem Weg dorthin kamen sie nachts vorbei und haben die Tickets abgeholt.“ Von einem Mann, der vor dem Counter ein Nickerchen hielt. Oder von dem älteren Mann mit dem bayerischen Dialekt, der seinen Bollerwagen voller Alkohol in der Agentur stehen ließ und tagelang verschwunden blieb.

Nächster Coup geplant
Das Büro hat einen Alarmknopf, schusssichere Scheiben und wird videoüberwacht. „Passiert ist bislang nichts.“ Jedoch dürfe man keine Berührungsängste haben. Desinfektionsspray und Einmalhandschuhe sind immer griffbereit.

Ab und zu komme es vor, dass Karim den ein oder anderen Betrunkenen aus der Agentur bugsieren müsse. „Betrunkenen verkaufen wir keine Reise.“ Ganz hartnäckigen Fällen erzählen Adnane und Komeyli, dass sie gebucht hätten. Sie sollen das Ticket am nächsten Morgen am Flughafen abholen. „So bleiben sie ruhig.“

2019 feierten Komeyli und Adnane ihr 15. Jahr auf der Reeperbahn. Bereut haben sie keinen einzigen Moment. Und die quirlige Reiseexpertin plant bereits ihren nächsten Coup: Am Flughafen will sie das erste Last-Minute-Büro für Kreuzfahrten eröffnen. Die Räume hat sie bereits angemietet.

Von Ute Fiedler