Reisebüros im Porträt

Teil 17 - Reiseland, Sondershausen

Ein Prost auf die verrückten Zeiten (von links): Katrin Weise, Dagmar Demmer, Thomas Weise und Beatrix Hanf

Ein Prost auf die verrückten Zeiten (von links): Katrin Weise, Dagmar Demmer, Thomas Weise und Beatrix Hanf. Foto: Reiseland Sondershausen

Nur wenige Monate nachdem die Mauer gefallen war und die Wiedervereinigung das Leben vieler Ost- und Westdeutscher auf den Kopf gestellt hatte, brachte ein Brief das Leben von Katrin Weise zum zweiten Mal gehörig durcheinander.

Weise, die damals noch Lessel hieß, 26 Jahre alt, staatlich geprüfte Sekretärin bei der Stadtverwaltung im thüringischen Sondershausen, entdeckte in der Post ein Schreiben von drei Herren aus dem Westen: Ralph Schiller, Bernd Riedel und Matthias Walter. Das Trio baute damals gerade die Franchise-Kette Reiseland auf und suchte nach Mitstreitern im Osten.

Weise überlegte nicht lange. „Da Neuwahlen anstanden und alles im Umbruch war, wusste ich sowieso nicht, wie es weitergeht, und entschied mich, es auszuprobieren.“ Heute hätte sie sicher nicht den Mut zu einem solchen Schritt in die Unsicherheit, gesteht die Reisebüro-Inhaberin. „Aber die Stimmung damals, das Gefühl des Neuanfangs hat uns mitgerissen.“

Nur wenige Tage später waren Weise und ihr Partner auf dem Weg zur Reiseland-Zentrale nach Northeim in Niedersachsen. Dort lernten sie Riedel und Walter kennen. Man fand sich sympathisch. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass die mich über den Tisch ziehen wollten. Und umgekehrt trauten sie mir als Quereinsteigerin zu, ein Büro aufzubauen.“

Dem Händeschütteln folgte die Vertragsunterzeichnung, eine Woche später saß Weise in ihrem Reiseland-Büro in Sondershausen, einer früheren Modeboutique, eingerichtet mit Regalen, Schreibtischen und Büromaterial, das Schiller, Riedel und Walter über die Grenze gefahren hatten. Computer? Telefon? Fehlanzeige.

Auch an Katalogen mangelte es. „Wir haben sie deshalb nur verliehen und Strichlisten gemacht, wer welchen mit genommen hatte.“ Buchungen wurden notiert, abends riefen Weise und ihre Kollegin von zu Hause aus in der Zentrale an und gaben die Wünsche weiter.

Auch die Bezahlung stellte eine Herausforderungen dar. Anfangs verfügten die Ostdeutschen noch nicht über die Westmark. „Sie buchten auf Pump, bezahlt wurde, wenn das Geld da war. Die Reiseveranstalter waren da sehr flexibel“, erzählt Weise. Studiosus habe damals für kurze Zeit sogar einen Katalog für Ostdeutsche aufgelegt – mit günstigeren Preisen.

Auch wenn die Kunden zahlten, so dauerte es doch rund drei Wochen, bis das Geld auf dem Konto der Zentrale war. Wie Ralph Schiller einmal in einem Interview erzählte, entstanden dadurch Liquiditätsengpässe. Da die Bank auf Ausgleich drängte, fuhren Schiller, Riedel und Walter zu den Büros, sammelten das Geld ein und lagerten es im Tresor in der Zentrale. Zwei-, dreimal rollten sie davor ihre Schlafsäcke aus, damit das Geld nicht gestohlen wurde, bevor sie es zur Bank bringen konnten.

Der Andrang auf das Reisebüro war riesig. Die Menschen genossen die neue Reisefreiheit. Wurden noch bis vor kurzem Reisen vor allem über Betriebe und staatliche Institutionen abgewickelt, so konnten die Urlauber das Reiseziel nun selbst wählen. Vor der Wende waren ausschließlich Reisen ins befreundete Ausland möglich, die Topziele waren Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Dorthin konnte man individuell reisen, in die UdSSR kam man hingegen nur mit einer Einladung.

 „Fernreisen waren damals gar nicht so gefragt“, erzählt Weise. „Aber Busreisen waren der Renner.“ Nach dem Fall der Mauer schossen Busreiseveranstalter wie Pilze aus dem Boden. „Jeden Freitag haben wir einen Bus mit Kunden an die Costa Brava verabschiedet“, erzählt die heute 55-Jährige. Am Anfang hätten sie und ihre Kollegin sogar noch Schnitten geschmiert, dazu gab es Knacker, ein Ei und einen Riegel. „Das waren verrückte Zeiten“, sagt sie. Und auch schwierige.

Nicht immer war es für die Quereinsteigerin einfach, sich in der für sie fremden Tourismus-Branche zurecht zu finden. „Von vielen Zielen hatten wir noch nie etwas gehört, abends haben wir im Atlas geschaut.“ Ihre allererste eigene Reise überhaupt, eine Inforeise, machte Weise Ende 1990 in die Türkei.

In unzähligen Schulungen und Seminaren eignete sich die Thüringerin ihr Wissen an. Und musste gegen Vorurteile von Kollegen aus der Branche kämpfen. Doch mit ihrer Familie im Rücken schaffte es Weise, das Büro gut aufzustellen. Heute arbeitet sie mit drei Kollegen, unter anderem mit ihrem Sohn, in einem neu ausgestatteten Reiseland-Büro. Ihrer Franchise-Kette ist die Inhaberin treu geblieben. Und für die Zukunft fühlt sie sich gut gewappnet. Verrückte Zeiten hat sie wahrlich viele gemeistert.
Die drei von Reiseland (von links): Bernd Riedel, Ralph Schiller und Matthias Walter
Ab 1990 genossen die Menschen im Osten ‧Deutschlands die neue Reisefreiheit.Die staatlichen „Reisebüros der DDR“ segneten dennoch das Zeitliche
Reiseland war eine der ersten Franchise-Ketten im Osten Deutschlands

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Von Ute Fiedler