Reisebüros im Porträt

Teil 18 - Reisebüro Stosius, Friedrichsdorf

Klassisch: Das alte Reisebüro mit klassischen Katalogwänden

Klassisch: Das alte Reisebüro mit klassischen Katalogwänden. Foto: ah

Ein Blick in das neue Büro mit digitalen Screens an den Wänden
Mutter und Sohn: Astrid und Christian Stosius
Mit diesem Flitzer fährt Astrid Stosius täglich Kataloge aus

Die Zeitreise dauert nur fünf Minuten. In Friedrichsdorf verkauft Astrid Stosius seit 30 Jahren Reisen. Die Geschäftsfrau betreibt dort zwei Reisebüros. Das Besondere? Ihre Agenturen liegen 400 Meter voneinander entfernt, könnten aber kaum unterschiedlicher sein.

Das erste Ladengeschäft wurde 1994 gegründet. Es liegt an einem öffentlichen Platz, eingebettet zwischen Restaurants und einer Eisdiele. Das 130 Quadratmeter große Reisebüro mit drei Counter-Tischen wird von einer typischen Katalogwand dominiert.

Beratung wie in einem Wohnzimmer
Vor drei Jahren eröffnete Stosius ihr zweites und nur 30 Quadratmeter großes Büro. Es liegt in einem Einkaufszentrum, ist schmal, barrierefrei und besticht durch eine moderne Einrichtung mit Holztischen und Bücherregalen. Kataloge fehlen, das Beraten und Verkaufen erfolgt nun über Tablets. „Hier herrscht Wohnzimmer-Atmosphäre“, so Stosius. Das Konzept stammt von Thomas Cook. Ursprünglich wurde es für den Eigenvertrieb des Veranstalters konzipiert, später für Franchiser geöffnet.

Wenn Stosius an ihre Anfangstage zurückdenkt, gerät sie ins Schwärmen. Ihr traditionsreiches Reisebüro zählte zu den ersten Agenturen von Holiday Land. Die allererste Pressekonferenz der Reisebüro-Marke wurde von ihr mitorganisert, der erste Werbeclip des Franchise-Systems wurde bei Stosius gedreht. Ihre damals kleine Tochter zählte zu den Darstellern. Heute ist das kleine Mädchen erwachsen und hat schon kräftig im Familienunternehmen mit‧gemischt, so wie auch die Söhne Florian und Christian, die in das Familien-Unternehmen eingestiegen sind.

Das Geschäft floriert in den Büros, die Kunden sind verschieden. Während das alte Reisebüro viele Stammkunden hat, lockt der kleine Ableger Neukunden an. Das Ladengeschäft im Einkaufszentrum grenzt an einen Supermarkt. Das hilft. Zudem hat Familie Stosius einen Störer in Form einer Litfaßsäule vor dem Ladengeschäft vom Tickethändler CTS Eventim aufgestellt. „Das Angebot kostet 300 Euro im Monat, zieht aber Kunden ins Geschäft“, weiß Sohn Christian Stosius.

Das Eröffnen eines zweiten Büros hatte für Astrid Stosius zwei Gründe: Es ging es um Standortsicherung. Zudem wollte die Touristikerin mit dem neuen Konzept ein Experiment wagen. Das ging auf.

Während im alten Büro laut Stosius der Kunde allein durch das Öffnen der Ladentür den ersten Schritt zu einer Buchung tätigt, bietet die offene Architektur im neuen Geschäft keine Hemmschwelle. „Bei uns fallen Kunden quasi ins Geschäft, halten ein Schwätzchen“, erzählt Christian Stosius. Und wie bestellt erscheint beim Interview eine ältere Dame und verwickelt Christians Mutter in einen Plausch. Die leichte Kontaktaufnahme führt aber auch dazu, dass es im neuen Büro laut Astrid Stosius viel mehr „Quälfälle“ gibt.

Auch das Buchungsverhalten ist unterschiedlich: Im traditionellen Reisebüro wird laut Astrid Stosius hochwertiger gebucht – viele Rund- und Studienreisen. Trotzdem suchen Kunden im kleinen Ableger nicht nur Preiswertes. Neben Hochseekreuzfahrten sind Clubaufenthalte beliebt. Christian Stosius berichtet gar von einer 30.000-Euro-Buchung auf die Malediven, die er vor Kurzem eingebucht hat.

Kataloge kommen mit dem E-Mobil
Für das Fehlen der Kataloge im neuen Reisebüro hat Familie Stosius ein innovatives Konzept entwickelt. Ist ein Katalog gewünscht, wird er noch am selben Tag an den Kunden geliefert.
Dafür hat die Reiseverkäufer-Familie einen Elektro-Flitzer, der in der Tiefgarage des Einkaufszentrums parkt. Täglich braust ein Familienmitglied mit dem Cook-gebrandeten Renault Twizy durch die Stadt und liefert Kataloge aus. „Das ist perfekte Werbung. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, winken die Leute, freuen sich“, erklärt Astrid Stosius.

Trotz des wirtschaftlichen Erfolges weiß die Verkaufsexpertin, dass ihr altes Reisebüro modernisiert werden muss. Die Familie befindet sich dazu gerade im „Findungsprozess“. Astrid Stosius denkt, dass die Neuerungen wohl nicht all ihren Stammkunden gefallen werden. Wichtig ist ihr aber, dass sich vor allem ihr fünfköpfiges Team und die zwei Auszubildenden dort wohlfühlen.

Von Arne Hübner