Die Flut hat Dörfer, Straßen und Existenzen zerstört. Stella Deetjen kennt Nepal seit 30 Jahren und weiß, was die Menschen jetzt brauchen – und warum Hilfe auch dann wichtig bleibt, wenn die Katastrophe aus den Schlagzeilen verschwindet.

Stella Deetjen, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins Back to Life aus dem hessischen Bad Homburg, ist seit drei Jahrzehnten eng mit Nepal verbunden. Die jüngste Flutkatastrophe hat auch Regionen getroffen, in denen sie mit ihrem Team seit vielen Jahren arbeitet.
Frau Deetjen, Nepal wurde am 26. August von einer Flutkatastrophe getroffen. Was haben Sie in den ersten Stunden erlebt? Die Katastrophe traf die Menschen nahezu ohne Vorwarnung. Obwohl Monsunzeit ist, hatte es zuvor nur wenig geregnet. Niemand rechnete mit Ereignissen dieser Größenordnung. Unser Büro in Kathmandu und ich standen sofort in engem Kontakt mit unseren nepalesischen Kolleginnen und Kollegen sowie mit Menschen im betroffenen Distrikt Nuwakot. Unsere Projekte und Teams sind glücklicherweise unversehrt geblieben. Trotzdem waren es bange Stunden, bis wir Lebenszeichen von unseren Mitarbeitern, Schützlingen und Patenkindern erhielten.
Sie haben eine besondere persönliche Verbindung zu den betroffenen Regionen. Was bedeutet es für Sie, die Zerstörung dort zu sehen? Seit drei Jahrzehnten bin ich eng mit Nepal verbunden. Viele dieser Orte kenne ich nicht aus Berichten oder von Karten. Ich bin dort gewesen und habe mit den Menschen Projekte aufgebaut. Den Fluss, der jetzt diese Zerstörung gebracht hat, habe ich Hunderte Male überquert. Unsere Teams haben diese Wege und Brücken tausende Male benutzt. Orte, die für uns vertrauter Alltag waren, sind heute teilweise nicht wiederzuerkennen.
Was macht die Hilfe vor Ort besonders schwierig? Die größte Herausforderung ist, die Menschen überhaupt zu erreichen. Die betroffenen Regionen liegen im Himalaya, mit engen Tälern, steilen Berghängen und weit verstreuten Dörfern. Häufig führt nur eine Straße oder Brücke in eine Gemeinde. Fällt sie weg, kann ein Dorf innerhalb weniger Minuten von der Außenwelt abgeschnitten sein. Auch die Menschen, die Hilfe organisieren sollen, sind teilweise selbst betroffen. Gemeindeämter wurden weggespült, Unterlagen vernichtet, Strom, Telefon und Internet funktionieren vielerorts nicht.
Welche Hilfe wird jetzt am dringendsten benötigt? Medizinische Notfallversorgung, sauberes Trinkwasser, Lebensmittel, Notunterkünfte, Medikamente und Hygieneartikel sowie sichere Evakuierungen.

Die Flut hat auch zentrale Verkehrsverbindungen zerstört. Was bedeutet das für Nepal? Die Folgen gehen weit über die zerstörten Dörfer hinaus. Mindestens 42 Kilometer des zentralen Highways zur chinesischen Grenze sind komplett zerstört. Diese Route ist als Handelsweg elementar wichtig. Eine Ausweichroute verlängert die Transporte aus Kerung um etwa 550 Kilometer. Das bedeutet längere Lieferzeiten, höhere Kosten und Preissteigerungen weit über die Katastrophenregion hinaus. Gerade in den Bergregionen zeigt sich, wie entscheidend funktionierende Verkehrswege sind. Wenn eine Straße oder Brücke ausfällt, geht es nicht nur um Mobilität, sondern auch um Versorgung und wirtschaftliche Perspektiven.
Welche Rolle spielt dabei der Tourismus? Für die betroffenen Regionen ist der Tourismus eine wichtige Lebensgrundlage. Die zerstörte Infrastruktur trifft deshalb nicht nur Hotels und Trekkinganbieter, sondern viele Menschen, die direkt oder indirekt vom Tourismus leben. Wichtig ist zugleich die Unterscheidung: Nicht ganz Nepal ist betroffen.
Was wünschen Sie sich für die Menschen? Dass sie jetzt nicht allein gelassen werden. Die Katastrophe wird irgendwann aus den Nachrichten verschwinden. Für die betroffenen Familien beginnt dann aber erst die lange Phase des Wiederaufbaus. Nepal hat immer wieder gezeigt, wie viel Kraft in seinen Gemeinden steckt. Diese Kraft braucht jetzt Unterstützung – damit zerstörte Lebensgrundlagen wieder aufgebaut werden und die Menschen eine Perspektive bekommen.
Was gibt Ihnen angesichts der Dimension dieser Katastrophe Hoffnung? Die große Resilienz der Menschen in Nepal. Seit 30 Jahren erlebe ich, mit welcher Kraft sie nach schweren Rückschlägen neu beginnen – wenn sie zur richtigen Zeit die richtige Unterstützung erhalten.
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Spenden
Back to life ist ein gemeinnütziger Verein für Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe. Seit 25 Jahren setzt sich der Verein für Menschen in Armut und Not ein, seit 2009 liegt der Schwerpunkt auf Nepal. Unter dem Leitgedanken „Hilfe zur Selbsthilfe“ entwickelt und realisiert Gründerin Stella Deetjen gemeinsam mit ihrem Team Projekte, die sich am konkreten Bedarf der Bevölkerung und den lokalen Gegebenheiten orientieren.
Wie Sie den Verein und die Menschen in Nepal unterstützen können erfahren Sie auf der Website des Vereins back-to-life.org.
Spendenprojekte haben auch Chamäleon und Intrepid ins Leben gerufen.


