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Corona: Tagebuch eines Veranstalters, Teil 3

Beate Zwermann ist Inhaberin des Reiseveranstalters Galapagos Pro. Foto: Galapagos Pro

Beate Zwermann ist Inhaberin des Reiseveranstalters Galapagos Pro. Foto: Galapagos Pro

Der kleine Frankfurter Spezialveranstalter Galapagos Pro ist wie sehr viele andere touristische Anbieter hart von den Corona-Folgen getroffen. In einem Tagebuch hat die Inhaberin Beate Zwermann in bislang zwei Einträgen auf dieser Website geschildert, wie sie mit der Krise umgeht und welche Folgen der Shutdown für ihr Unternehmen, für sie persönlich und für ihre Mitarbeiter hat (siehe hier der erste Eintrag und hier der zweite). Im dritten Teil geht es unter anderem um das Problem der Reisewarnungen für viele Länder, die Reisebüro-Demos, die Lage in Ecuador und die Zukunft ihres eigenen Reiseveranstalters. Der Inhalt des Tagebuchs spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wider. 

Tagebuch eines Reiseveranstalters zur Covid-19-Krise – Teil 3
Wieder sind fast eineinhalb Monate vergangen – 45 quälende Tage, die mir immer in Erinnerung bleiben werden. Heute ist der 1. Juli 2020, der Tag, an dem ich gehofft hatte, dass unser Außenminister Heiko Maas die Welt wieder öffnen würde. Anfang Mai hatte er zunächst angekündigt, die weltweite Reisewarnung, die bis zum 14. Juni galt, nicht zu verlängern. Pustekuchen. Am 10. Juni verkündet er, lediglich für Europa zu öffnen. Für 160 Länder besteht weiterhin de facto ein Berufsverbot für Reiseveranstalter. Heute nun die kümmerliche Nachricht, dass in elf außereuropäischen Nationen wieder offiziell gereist werden darf. Ecuador ist nicht darunter.

Eine Aussage von Bertolt Brecht kommt mir in diesem Zusammenhang in den Sinn: „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

In Coronavirus-Zeiten wurden wir aus einer globalen Welt in unsere nationalen Grenzen zurückgetrieben. Diese fuhren sogar hoch und bleiben erst einmal vielerorts geschlossen. Einen deutschen Pass zu besitzen öffnete bis vor kurzem weltweit fast alle Türen und wird es bald wieder tun. Aber wie gehen wir mit allen anderen Nationen dieser Welt um? Bestimmen nun in Zukunft die Corona-Zahlen im Herkunftsland das Recht auf Einreise nach Deutschland? Oder umgekehrt: Dürfen wir Deutsche nur noch dahin reisen, wo das RKI die medizinische Versorgung für gut befindet? Lassen wir uns also künftig von Gesundheitsexperten wie Professor Doktor Karl Lauterbach unsere Reisefreiheit einschränken?

Ich nicht.

Apropos Professor Lauterbach: Mann, bin ich froh, dass die Talkshows jetzt erst mal Sommerpause haben und er sich hoffentlich zuhause einsperrt. Angst genug hat er vor dem Virus. Lauterbach hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Deutschen sich vor Flugzeugen und Reisen im Allgemeinen fürchten. Jedes Mal, wenn er im Fernsehen auftaucht, frage ich mich, ob ihm bewusst ist, wie viele Existenzen er mit seinen Worten vernichtet. Nicht nur meine, sondern auch die der drei Millionen Mitarbeiter der Reisebranche in Deutschland, 1,2 Millionen Menschen in Ecuador und 130 Millionen weltweit. Mit welchem Recht? Grob fahrlässig, unangemessen und unverantwortlich. Ich hoffe sehr, es kommt der Tag, an dem sich seine Vorhersagen als falsch herausstellen.

Ich finde, der Herr Professor ist ein Fall für die Liste von Carsten Spohr. Auch er muss künftig laufen.

Rückblick: Demos und kreative Angebote
Am 27. Mai bin ich mit meinem Team zur Demo der Reisebranche nach Berlin gefahren. Mit dem Zug, das war gemütlich und entspannt. Die Maskenpflicht hat uns nicht weiter gestört. Und dann standen wir vor dem Wirtschaftsministerium – ein verstreuter Haufen von lediglich 100 Personen. Mehr waren nicht zugelassen. Ein Witz. Als Vertreterin der kleinen Reiseveranstalter durfte ich eine Rede halten. Ich habe um Vertrauen geworben. Wir müssen uns wieder als Menschen begegnen, nicht als Virenschleudern. Ein Vertreter des Ministeriums nimmt ein Päckchen mit meinen Tagebüchern und einer CD der Talking Heads (mit dem Lied „Road To Nowhere“) für Minister Altmaier entgegen. Am nächsten Tag teil man mir per E-Mail mit, dass er sie erhalten hat.

Das Tourismusministerium Ecuadors meldet sich am 28. Mai bei mir. Die Ministerin will am 2. Juni in einem Zoom-Meeting wissen, wie die Lage in Europa ist. Klar nehme ich teil. Vier Reiseveranstalter, zwei aus England und je einer aus den Niederlanden und Deutschland sind dabei. Es ist interessant zu hören, dass die Kollegen in England noch in der totalen Schockstarre sind, während wir hier doch schon etwas mehr Hoffnung haben.

Seither haben wir eine Standleitung aufgebaut. Das Ministerium meldet sich regelmäßig und berichtet von Öffnungen: Am Flughafen Quito landen seit 1. Juni wieder Flugzeuge aus den USA. Ein Hygienekonzept wird publiziert und landesweit in allen Bereichen umgesetzt. Ab Juli sollen der Flughafen Guayaquil, die Nationalparks und die Museen wieder geöffnet werden. Auch der Überlandbusverkehr wird wieder möglich sein.
Von den Galapagos-Inseln kommen am 31. Mai gute Nachrichten: Ecuadors Vizepräsident Otto Sonnenholzner besucht die Inseln, weiht den neuen Pier in Puerto Ayora auf der Insel Santa Cruz ein, verspricht ein neues Krankenhaus und kündigt an, Galapagos am 1. Juli wieder für den Tourismus zu öffnen. Wow!

Die größte Achterbahn der Gefühle verdanke ich in diesen Tagen der KLM. Während der Demo am 27. Mai teilt mir der Verkaufsleiter mit, dass alle Flüge nach Ecuador bis Ende August 2020 ausgesetzt werden. Am 14. Juni, dem Tag, an dem die außereuropäische Welt weiterhin für tabu erklärt wird, steht plötzlich in touristik aktuell, dass Quito ab Juli dreimal in der Woche wieder angeflogen wird – als eines von nur zwei Ländern in Südamerika (das andere ist Suriname). Und tatsächlich: Die Flüge sind wieder im System. KLM ist mutig. Der Coronavirus-Verlauf in Ecuador lässt hoffen.

Am 17. Juni fahren wir zur nächsten Demo der Reisebranche nach Berlin. Diesmal dürfen wir richtig durch die Stadt ziehen, vom Alexanderplatz vor den Reichstag. Viel Hoffnung habe ich nicht mehr, dass die Politiker und vor allem die Beamten verstehen, warum wir auf die Straße gehen. Aber was soll’s: Ich will wirklich alles versucht haben.

Am Reichstag trauen sich ein paar Politiker vor die Demonstranten. Mittlerweile wissen wir, dass CDU/CSU und SPD über die Staatshilfen bestimmen. Vertreter der Opposition, wie der Grüne MdB Markus Tressel oder der FDP-Politiker MdB Marcel Klinge, geben uns eine Stimme, aber wirklich helfen können sie nicht. Von 11 bis 15 Uhr sind wir in Aktion. Die Sonne sticht vom Himmel. Der Rückweg ist lang, und im Abteil bleibt es still. Es gibt nichts mehr zu sagen.

Was und wie mache ich weiter?
Mein Kredit wird am 4. Juni genehmigt. Das Geld ist am 15. Juni auf meinem Konto. Jetzt bin ich zwar wieder verschuldet, aber ich schlafe ruhiger. Eine Rettung ist das noch nicht. Wer weiß, wie lange der Spuk noch dauert.

Ich habe viel Zeit zum Nachdenken. Neubuchungen gibt es keine, die bestehenden Kunden sind versorgt. Was mache ich in Zukunft? Was kann ich noch? Will ich das Risiko künftig noch tragen? Was bleibt?

Eine Kollegin ruft mich an. Sie betreibt ebenfalls einen Reiseveranstalter hier in Frankfurt und verkauft Individualreisen in Europa und die Welt. Ihre Idee: Wir kooperieren und nutzen meinen Kundenstamm, um ihre Reisen zu verkaufen. Ich bekäme Vermittlungsprovision. Schlau. Ist das die Lösung? Ich weiß es nicht.

In der zweiten Junihälfte melden sich einige Neukunden. Im Fernsehen liefen kurz hintereinander längere und kürzere Berichte über die Galapagos-Inseln – nur gute Nachrichten und tolle Bilder, Gott sei Dank. Ich verschicke wunderschöne Reisepläne, deren Kreation mir vor Corona immer sehr viel Freude bereitet hat. Jetzt nähren sie Zweifel. Ich verbreite trotzdem Optimismus.

Ein ehemaliger Kunde, der meine Tagebücher gelesen hat, ruft an und bietet mir einen Kredit an. Er will unbedingt, dass ich erhalten bleibe. 15.000 Euro kann er mir für einen Reisegutschein leihen, sagt er. Ich bin gerührt. Auch das gibt es.

Mittlerweile habe ich drei Güteverhandlungen am Landgericht Frankfurt am Hals. Die erste ist Ende November. Die Ungerechtigkeit meiner Lage treibt mich immer wieder um. Ich erwische mich bei Neidgedanken gegenüber denen, die die Krise nicht juckt: Rentner, Politiker, Beamte, Ärzte und viele mehr. Da hilft auch kein Vergleich mit anderen Solo-Selbstständigen, die auch hart getroffen sind. Die Belastung ist unverhältnismäßig – für alle Selbständigen und Unternehmer.

Darf der Staat das?
An dieser Frage beiße ich mich gedanklich fest. Nein, ist meine Antwort. Schadensersatz muss er zahlen. Aber, kann man den Staat verklagen? Ich konsultiere einen befreundeten Anwalt mit großer Kanzlei hier in Frankfurt. Sein Rat: Abwarten. Ich solle nicht Jeanne d’Arc spielen, wo doch Ebbe in der Kasse ist. Es werde Klagen geben, ganz bestimmt. Andere mit mehr Kohle würden das für mich richten. Wir beobachten das Geschehen gemeinsam und würden nur dann ebenfalls zuschlagen, wenn es sich lohne. Geduld sei jetzt wichtig, bekomme ich zu hören. Aktionismus solle ich vermeiden. Nun gut.

Wunschkonzert
Am 20. Juni verkündigt die Bundesregierung die Eckpunkte der neuerlichen Überbrückungshilfe. 25 Milliarden Euro stehen bereit. Alle in der Reisebranche kämpfen wie die Löwen, um eine Sonderregelung zu bekommen. Bald wird klar, die Reisebüros schaffen das; sie können ihre Provisionen als Betriebsausgaben geltend machen. Ende Juni steht fest, auch kleine und mittlere Reiseveranstalter bekommen extra Geld. Man hat uns gehört und verstanden. Halleluja, Demonstrieren und Protestieren hat sich gelohnt.

Wieviel wir letztlich bekommen, steht noch nicht fest. Aber es besteht Hoffnung. Ob uns das rettet, hängt weiterhin von der Wiedereröffnung der Welt ab. Heute, am 1. Juli, hat sich Entwicklungsminister Gerhard Müller zu diesem Thema zu Wort gemeldet. Er plädiert für weltweite Grenzöffnungen. Ihm möchte ich gerne folgende Gedanken mit auf dem Weg geben:

1.    Covid-19 ist in 213 Ländern und Territorien angekommen. Es ist also nunmehr egal, ob Grenzen dicht sind. Das Virus ist eh schon da.
2.    Covid-19 geht nicht mehr weg. Wir müssen damit leben.
3.    Covid-19 gedeiht besonders gut, wo Ignoranz und Dummheit Zuhause sind.
4.    Und, Covid-19 gefährdet vor allem die armen und schwachen Menschen in aller Welt.

Die Armut, Herr Minister, wird aber mit jeder Sekunde schlimmer, die die Welt geschlossen bleibt. Hier in Deutschland kann der Staat das vielleicht noch abfedern, doch sehr bald holt sie uns ein. Das ist der wichtigste Grund, die Grenzen sofort zu öffnen.

Die zweite Welle ist eine Medienwelle
Eine zweite Welle kommt nicht. Davon bin ich überzeugt. Es wird wieder mehr Infizierte geben, denn es gibt leider viele dumme und ignorante Leute, wohl wahr, aber die meisten Menschen haben viel gelernt – wir wissen nun, wie wir uns schützen.

Das hält die Medien nicht davon ab, eine zweite Welle herbeizureden, zu schreiben, zu präsentieren. Den Bock schoss die ZDF-Sendung „Heute“ am 29. Juni mit ihrem Bericht über Südkorea ab. Das Land hatte in den vergangenen sieben Tagen sage und schreibe 287 neue Covid-19-Fälle. Der Korrespondentin ist es sogar gelungen, eine Virologin vor die Kamera zu locken, die die Welle bestätigte. Im Deutschen gibt es keine Verniedlichung für Welle – ein Wellchen vielleicht? Unfassbar.

Ausgang ungewiss
Heute war ich bei meiner Friseuse. Und wie das so ist, wenn man sich schon lange kennt, werden die Erlebnisse der vergangenen Wochen ausgetauscht. Bei ihr ist alles gut. Sie haben super gearbeitet, viele Überstunden gemacht und Neukunden gewonnen, dem Nachwuchs geht es gut, bald fahren sie in den Urlaub, alle sind gesund.

Ich erzähle vom Abitur meines Sohnes, von den Demonstrationen, von Berlin, meiner Diät, den langen Läufen, dem beruflichen Stillstand, der Ohnmacht und dass diese zum Alltag geworden ist. Auch daran gewöhnt man sich.

Als ich gehe, mache ich keinen neuen Termin. Meine Friseuse sitzt in einem Vorort von Wiesbaden und mein Auto geht turnusgemäß Ende Juli aus dem Leasing; ein neues wird es erst einmal nicht geben. „Bis ich weiß, was mit mir wird“, höre ich mich sagen. Als wäre das normal.
Fortsetzung folgt.

PS: Haltet durch, Leute! Ein großes Dankeschön an alle Mitstreiter der Reisebranche, die mit auf die Straße gegangen sind, die sich die Finger wund geschrieben haben, die den Politikern auf den Pelz gerückt sind, die mitgedacht, sich ausgetauscht und Mut gemacht haben. Was immer wird, Ihr seid großartig!