Marokko

Marokko: Flüssiges Gold aus dem Atlas

In der Kooperative von Tamanar verdienen Frauen ihr Geld mit Arganiennüssen.

In der Kooperative von Tamanar verdienen Frauen ihr Geld mit Arganiennüssen. Foto: rh

In Tamanar produzieren Frauenkooperativen das begehrte Arganöl

„Was für ein Tag!“, seufzt Rachida strahlend. Die junge Marokkanerin kommt kaum zum Atemholen. Ein paar Worte hier, ein Kontrollblick dort, dann wendet sie sich wieder den Fremden zu, die im Innenhof von „Amal“ die Arbeit jener Frauen bestaunen, für die Rachida die personifizierte Hoffnung ist. Amal bedeutet Hoffnung. Und Rachida ist eine der Verantwortlichen der Coopérative Amal de Tamanar; Marokkos allererster weiblicher Arganölkooperative. „Als wir vor zehn Jahren anfingen, trauten sich gerade mal ein Dutzend Frauen zu kommen.“ Inzwischen zählt das Selbstverwaltungsprojekt zwischen Essaouira und Agadir 70 Aktive, meist Berberinnen.

Soeben sind wieder zehn neue Anwärterinnen gekommen. Schüchtern sitzen sie bei den erfahrenen Kolleginnen. Viel lernen müssen sie von diesen freilich nicht. Denn in Südwestmarokko gehört die Herstellung von Arganöl traditionell zum Haushaltsalltag. Dank der Kooperative erhalten die Dorffrauen aber erstmals Geld dafür.

Konzentriert hocken sie auf Matten und Teppichen, farbige Plastikschüsseln an ihrer Seite, prall gefüllt mit den honigfarbenen, kaum daumennagelgroßen Arganfruchtnüssen. Unter deren Schale schlummert der begehrte Kern, in dem das wertvolle Öl enthalten ist. Mit Hilfe eines faustgroßen Steins wird die harte Hülle geknackt. Immer mehr Touristen legen einen Stopp in der Coopérative Amal ein. Rachidas Kollegin bietet nach dem Rundgang zwei Schälchen mit dem goldbraunen Elixier zum Kosten an und legt warmes Fladenbrot daneben. In Französisch und Deutsch erläutert sie Geschmacksnuancen und Verwendungsmöglichkeiten. Denn das Arganöl lässt sich auch für kosmetische Zwecke nutzen.

Die Berberfrauen wissen das schon lange: Die Arganie zählt zu den ältesten Bäumen der Erde. Inzwischen wächst sie aber nur noch in Marokko. Und auch dort war sie vom Aussterben bedroht. Seit fünf Jahren steht sie jedoch in einem Biosphärenreservat unter dem Schutz der Unesco – als Teil eines Projekts zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Marokkanerinnen in ländlichen Gebieten. Fast 5.000 Frauen treten heutzutage für den Bestand der Bäume ein und verdienen ihren Lebensunterhalt in Ölkooperativen wie Amal oder Schwesterprojekten in Ait-Baha, Tidzi oder Tigut.

In der Kooperative von Tamanar möchte Rachida bald auch ein Restaurant eröffnen. „Natürlich werden wir dort nur Gerichte mit Arganöl servieren.“ Und Amlou, jene köstliche Paste aus Mandeln, Honig und Araganienöl, die nicht nur dem Gaumen schmeichelt, sondern, wie die Berberinnen behaupten, auch die Liebeslust steigern soll.

Rita Henss

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