Marokko

Marokko: Hollywood und Märchenland

Aus diesem Stoff sind Hollywood-Filme gemacht.

Aus diesem Stoff sind Hollywood-Filme gemacht. Foto: jm

Im Süden trifft der Himmel über der Wüste auf die Kasbah-Straße

„Hey Ali, du bist doch kein Tuareg!“ Ali lacht, fühlt sich ertappt. Natürlich ist er kein Tuareg. Die blaugewandeten Nomadenstämme ziehen durch die Zentralsahara, rund 1.500 Kilometer südöstlich vom Kreisstädtchen Tinergir. Mit seiner riesigen Oase hebt es sich als grüner Farbtupfer vor der braunen Steppe des Hohen Atlas ab. Eine perfekte Kulisse, die Ali nutzt. Hier mimt er den Tuareg – gegen harte Dirhams, versteht sich. Es ist sein Job: pittoreske Fotos von sich machen zu lassen, einen Kamelritt anzubieten. „Ich bin Berber, wie meine Stammesbrüder, die Tuareg“, entschuldigt er sich.  Echte und falsche Tuareg, das wahre Land und Inszenierungen für Touristen, die elegante Mischung aus Gastfreundschaft und Geschäft gehören zum Süden von Marokko wie der Hohe Atlas und die Sahara, wie Ziegen und Dromedare, wie Kasbahs und Moscheen. Marokko ist Kino. Realität und Fiktion verschmelzen für die Dauer der Vorführung von Hollywood und Märchenland zu einer faszinierenden Symbiose.

Spätestens seit „Casablanca“ spielt Marokko in der Kinowelt eine Rolle. Welcher Film erreichte schon solchen Kultwert? Der Schlusssatz hat symbolische Bedeutung: „Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ – nicht nur zwischen Ilsa Ingrid Bergmann und Rick Humphrey Bogart, sondern auch für Marokko und die Filmindustrie. Orson Welles drehte „Sodom und Gomorrha“, Martin Scorsese „Die letzte Versuchung Christi“ und Bernardo Bertolucci verfilmte „Der Himmel über der Wüste".

Quarzazarte mit 341 regenfreien Sonnentagen pro Jahr hat sich als Zentrum der Filmwirtschaft etabliert. Vor den Toren der Stadt wird in den Atlas-Studios nach allen Regeln der Kunst gearbeitet. „Für eine Neuverfilmung von Cleopatra“, sagt Mohamed El Achkar und deutet auf ägyptische Pappmaché-Tempel und davor parkende Kampfwagen. Auf einer 500 mal 500 Meter großen Fläche werden Massenszenen und Wagenrennen gedreht. „Mein achter Film hier“, berichtet der Requisiteur stolz. „Am verrücktesten war die Scorsese-Produktion: Sie dauerte genau ein Jahr!“ Wie beiläufig sagt Mohamed noch: „Ich durfte auch schon mit Timothy Dalton, Michael Douglas und Jean-Claude Van Damme arbeiten ...“ – kurze Pause – „... und für Alain Delon, der sich außerhalb von Quarzazarte eine Villa in Kasbah-Form hat bauen lassen.“ 
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Alle Marokkaner lieben den Film und die Traumwelten aus Zelluloid. Für die 1928 gegen die Franzosen erbaute Kasbah Tamnougalt interessierte sich jahrzehntelang kein Mensch. Bis Bertolucci Tamnougalt sie vier Monate lang zur Hauptkulisse im „Himmel über der Wüste“ machte. Dann kamen abends heimlich die Liebespärchen auf ein Tête-â-Tête, um sich mit dem Hauch von Hollywood zu umgeben. Die Chance für Ait El Abas, als inoffizieller Wächter zu fungieren und ein paar Dirhams zu verdienen: „Ich garantiere den Pärchen, dass sie ungestört bleiben.“ Dazu hat er auch eine Kochstelle eingerichtet. Das Feuer kurz angefächert, ist der Minztee für die Liebenden in zwei Minuten fertig. „Ist im Preis inklusive“, sagt Ait.
Jochen Müssig

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