Namibia

Feenkreise im Wüstengras

Seit einiger Zeit läuft in Wolwedans der Versuch, Geparde anzusiedeln.

Seit einiger Zeit läuft in Wolwedans der Versuch, Geparde anzusiedeln.

Namibia: In Wolwedans erfüllt sich das Werbeversprechen vom „Luxus der Weite“

Über Antennen halten die Ranger Kontakt zu ihren Schutzbefohlenen.

Über Antennen halten die Ranger Kontakt zu ihren Schutzbefohlenen.

Über die Märchenkreise werden den Touristen viele Geschichten erzählt, zum Beispiel, dass sie von einer Ufo-Landung stammen.

Über die Märchenkreise werden den Touristen viele Geschichten erzählt, zum Beispiel, dass sie von einer Ufo-Landung stammen. Fotos: pa

Aus der Luft sieht es aus, als leide die Namib-Wüste an einer Hautkrankheit. Der blassgrüne Grasteppich ist von Löchern zerfressen, aus denen der rote Sand leuchtet. Später wird sich aufklären: Die Flecken sind Fairy Circles, Feenkreise, und die Wüste ist kerngesund. So gesund wie schon lange nicht mehr.

Unsere Cessna hat sich auf einer ungeteerten Piste niedergelassen, irgendwo in Namibia südlich von Windhuk. Das Ziel heißt Wolwedans, eine Kollektion von Lodges und Zelt-Camps im privat geführten Namib Rand Nature Reserve. Rund 180.000 Hektar umfasst das Gebiet zwischen den Numib-Bergen im Osten und dem Naukluft National Park im Westen. Früher war es von Grenzen durchzogen, bis ein Mann namens Albi Brückner in den 1980er Jahren eine Farm nach der anderen aufkaufte und zu einem großen Naturreservat verwachsen ließ. Seitdem erholt sich das überweidete Land, und die Tiere vermehren sich tüchtig. Und seit nunmehr 16 Jahren wird auch das Tourismusgeschäft sanft integriert.

„Luxus der Weite“ – mit diesem Claim wirbt das Fremdenverkehrsamt von Namibia um deutsche Urlauber. Für Wolwedans gilt die Faustregel: Auf jeden Gast kommen 1.000 Hektar Naturschutzgebiet, und jede touristische Unterkunft ist auf 20 Betten limitiert.

Namibia hat rund zwei Millionen Einwohner auf einer Fläche fast dreimal so groß wie Deutschland – in der Dune Lodge von Wolwedans wird dem Gast das klar. In den Chalets sprudelt der Luxus weder aus vergoldeten Wasserhähnen noch ist er zu Edelmarmor erstarrt. Dafür bricht sich der Blick erst an den fernen Bergen, von denen das Morgenlicht wie goldene Seide in die Ebene fließt. Die Planenwände lassen sich mit Reißverschlüssen zu einem 180-Grad-Blick öffnen. Nach dem Regen, der selten ist, duftet die Holzveranda. Die Empfangsbalken auf dem Mobiltelefon zucken schon lange nicht mehr.

Wer sich nicht dem Rhythmus im Haupthaus anschließt, wo Mahlzeiten und Ausflüge eng getaktet angeboten werden, kann die Zeit vergessen. Im Programm sind Pirschfahrten mit dem Jeep, Heißluftballontouren und Spa-Behandlungen. Nicht zu vergessen die Flugsafaris, die in Kooperation mit der Tochterfirma Nature Friend Safaris durchgeführt werden. Wer Gesellschaft sucht, trifft in Wolwedans auf britische Paare, die Gesellschaft suchen. Auf einen Einzelgänger aus Kanada, der nach dem Angeln in Angola Station in Wolwedans macht. Auf Verlobte aus Wien, die ihre Flitterwochen vorverlegt haben. Auf eine Deutsche, die enttäuscht ist, weil sie auf ihren Safaris keine Elefanten traf.

Progress pflückt ein Chamäleon vom Boden und setzt es sich auf den Arm. Der kleine Verwandlungskünstler verharrt reglos, nur die Glupschaugen kreisen. Progress ist unser Guide für einen Tag und will uns die Augen für die kleinen Wunder der Natur öffnen. Wolwedans ist kein Terrain für Supersafaris; doch ohne die Suche nach den Big Five bleibt Zeit für Details: für ein Erdhörnchen, das eine dicke Kobra neckt; für eine Käferart, die mit dem Hinterteil aus dem Morgennebel trinkt; für die Oryx-Antilopen, die einen Monat ohne Wasser auskommen können, aber täglich trinken, wenn Wasser verfügbar ist. Seit einiger Zeit läuft der Versuch, in dem Reservat Geparden anzusiedeln. Um das Wohlsein der Tiere überwachen zu können, sind sie mit Antennen am Halsband ausgestattet.

Als sich ein Feld mit Feenkreisen vor uns auftut, hat Progress für das Phänomen viele Erklärungen parat: Sind hier urzeitlich-monströse Viecher durchgestiefelt? Ist eine Armada von Ufos gelandet oder ein Meteoritenhagel niedergegangen? Haben Termiten den Boden unfruchtbar gemacht oder eine toxische Pflanze? Wir werden es nicht erfahren. Nicht in Wolwedans. Die Angestellten hüten ihre Theorien für Touristen sorgsam. Wer recherchieren will, kann den Internet-Zugang im Basis-Camp nutzen – für den Notfall, weil nicht jeder Gast mit der Abgeschiedenheit klarkommt.

Stephan Brückner führt heute das Unternehmen seines Vaters und baut es aus. Vor drei Jahren hat er die „Desert Academy“ ins Leben gerufen, die Hotel- und Gastronomiekräfte auf internationalem Standard ausbildet. Zu Wolwedans gehört auch das Restaurant „Nice“ im ehemaligen Wohnhaus von Albi Brückner in der Mozart Street in Windhuk: In den luftigen, offenen Räumen paart sich modernes Design mit Wohnzimmer-Atmosphäre. Wer sich im „Nice“ als Koch besonders gut anstellt, erhält ein Job-Angebot für Wolwedans. Brückner trägt sich mit dem Gedanken, auch in anderen Städten „Nice“-Restaurants zu eröffnen. Und gegenüber dem „Nice“ in Windhuk plant er ein Boutique-Hotel mit 20 Zimmern. Es soll Ende 2010 den Betrieb aufnehmen.

Die meisten Gäste kommen für zwei Tage nach Wolwedans. „Viel zu kurz“, wie Brückner findet, „um alles zu genießen.“ Für restlose Begeisterung reicht es dennoch: „Es ist wie im Traum“, schwärmen Inge und Peter aus Deutschland im Gästebuch der Dune Lodge. Wer diesen Traum unterstützen will, kann für 500 Namibische Dollar einen der Fairy Circles erwerben. Das Geld geht an die Namib Rand Conservation Foundation, die sich für Umweltschutz, nachhaltigen Tourismus und Bildung einsetzt. Verkaufte Feenkreise werden mit Nummernsteinen markiert, zu denen der Besitzer die GPS-Daten erhält.
Pilar Aschenbach

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