Afrika Tunesien

Tunesien: Römische Götter, orientalische Lässigkeit

Seit 1997 zählen die Ruinen von Dougga zum Unesco-Weltkulturerbe.

Highlights im touristisch wenig erschlossenen Hinterland

Tunesier bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Fotos: cp

Sonntags morgens auf dem Marktplatz von Testour ist die Welt noch in Ordnung. Während die Frauen zu Hause putzen, waschen und kochen, hocken die Herren der tunesischen Schöpfung in den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres zusammen, wickeln sich in ihre wollenen Burnusse und diskutieren bei einer schönen Tasse Tee das wirklich Wichtige: die Preisentwicklung beim Lammfleisch ebenso wie den Krieg in Afghanistan, den spektakulären Lkw-Unfall auf der Autobahn Richtung Tunis genauso, wie die jüngste Parole ihres Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali.

Dass der 73 Jahre alte Herrscher das islamische Land mit seinen zehn Millionen Einwohnern seit mittlerweile mehr als 20 Jahren reichlich autoritär regiert, stört die Teetrinker von Testour nur wenig. Das Minarett der Großen Moschee mit ihrer christlich anmutenden Turmuhr und dem jüdischen Davidsternmosaik nur einen Steinwurf entfernt, wissen sie längst, was ihre Welt im Innersten zusammenhält.

Für sie ist das Leben keine hektische Stromschnelle, sondern ein langer, ruhiger Fluss. Mit orientalischer Lässigkeit pflegen sie ihre Version des bajuwarischen „mir san mir“: „Wir sind da, und wir essen alle Couscous.“ Mehr Theorie braucht es nicht zum Leben auf dem Marktplatz von Testour. Der Rest ist ohnehin Inschallah – in Allahs Hand.

Szenenwechsel: Dougga, eine gute Autostunde von Tunis entfernt, war einst ein wuseliges Zentrum antiker Urbanität. Der römische Kaiser siedelte hier, auf einem sanften Plateau inmitten malerischer Landschaft, verdiente Alt-Legionäre an. Die Veteranen legten sich mächtig ins Zeug, beackerten den fruchtbaren Boden wie besessen und bauten Thugga – so der antike Name der Siedlung – zu einer imposanten Metropole aus. Auch heute noch beeindruckt die Stadt, obwohl längst ruiniert, ihre Besucher durch stille Größe und edle Einfalt.

Kein Wunder also, dass die Unesco das 25 Hektar große Areal im Jahr 1997 zum Weltkulturerbe erklärte. In dem Halbrund des monumentalen Theaters von Dougga (entstanden etwa 170 nach Christus) fanden früher rund 3.000 Zuschauer Platz. Wem der Sinn eher nach Metaphysischem stand, konnte auch diesen Drang ausleben: Ob Minerva, die lokale punische Mondgöttin Tanit oder Gottvater Jupiter mit seinem spektakulären Domizil auf dem Kapitol im Herzen der Stadt – fast alle einschlägigen römischen Gottheiten waren in Dougga mit Tempeln vertreten.

Wer heute das weitläufige, noch wenig auf Massentourismus getrimmte Areal durchstreift, über das Forum mit seinen prächtigen Tempelbauten schlendert oder durch die Wohnquartiere mit ihren mosaikgeschmückten Häusern spaziert, bekommt eine Ahnung vom Großstadtflair, das hier einst geherrscht haben muss.

Das Schönste am Bummeln durch die Trümmer von Dougga: Anders als in Griechenland scheuchen den Besucher keine despotischen Wärter mit Trillerpfeifen von mühsam erklommenen antiken Mauern und Säulenstümpfen. Die tunesischen Kustoden üben sich vielmehr in der arabischen Abgeklärtheit des Kletterns und Kletternlassens. Jeder Besucher wird mit jener Stoizität willkommen geheißen, die im Heute nur das Gestern von morgen erblickt und ergo auch vor 2.000 Jahre alten Ruinen nicht mehr Respekt als nötig empfindet.

Nur ab und zu unterbricht ein Esel sein Grasen, schaut dem kraxelnden Zweibeiner gelangweilt hinterher, wackelt mit den Ohren und denkt sich gemächlich: „Ein Couscous-Esser ist das aber nicht.“
Christian Preiser
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