Südafrika

Kochen in der Karoo

Botanischer Spaziergang durch die Karoo-Wüste.

Südafrika: Im verträumten Städtchen Prince Albert werden Gaumenfreuden und Geschichten über Hausgeister gepflegt

Luftig, hell und hervorragend ausgestattet: die Kochschule African Relish.

Jeremy wetzt die Messer.

Neogotische Kirche in Prince Albert. Fotos: pa (3), African Relish

Jeremy Freemantle wetzt beherzt die Messer. "Gutes Schneidewerkzeug ist das A und O", schärft er seinen Eleven ein. Zur Überprüfung dient der Tomatentest: Ohne Druck schlitzt die Klinge das rote Fruchtfleisch auf. "Perfekt", kommentiert Jeremy und fügt trocken an: "Das erleichtert nicht nur das Schnippeln, sondern auch die Arbeit der Ärzte. Glatte Schnittwunden lassen sich besser flicken als ausgefranste."

Was beginnt wie ein Lehrgang für Medizinstudenten in der Leichenhalle, ist ein Kurs für Touristen in der Kochschule African Relish im südafrikanischen Städtchen Prince Albert. Gruppen bis zu zwölf Personen können sich in den luftigen und lichtdurchfluteten Räumlichkeiten einmieten, deren ästhetische Vollkommenheit wie Feng Shui wirkt: Mensch und Umgebung harmonisieren sich.

Durch die Dachfenster fällt üppig Sonne auf blanke Arbeitsflächen, über denen duftende Kräutersträuße, kupferbeschichtete Töpfe und andere Gerätschaften baumeln. Die Regale sind mit Gewürzen, Ölen, Marmeladen und Soßen reich bestückt, vieles davon ist hausgemacht. Selbst dem verdrießlichsten Besucher bleibt nichts anderes übrig, als sich wohlzufühlen.

Heute ist auf der Schultafel mit Kreide notiert: "Karoo classic cooking course". Die Zutaten stammen vorwiegend aus der Karoo-Wüste, in die sich Prince Albert zu Füßen der Swartberge bettet. Süßkartoffelsuppe, Lammrouladen, Ravioli mit Blauschimmelkäse-Kürbis-Füllung und Malven-Pudding - so lautet die Menüfolge für diesen Abend. An die Töpfe, fertig, los: Das Suppenteam zerkleinert karottenorange Süßkartoffeln, das Team Ravioli knetet Teig und nudelt ihn zehnmal durch die Maschine. Erst dann entspricht die Masse Jeremys Ansprüchen. "Elastisch und samtweich muss sie sein."

African Relish bietet neben Tageskursen auch mehrtägige Programme mit Radtouren, Picknicks und Farmbesuchen an. Das Spektrum reicht von traditioneller Karoo-Küche bis zu Spezialkursen - für vietnamesische Küche, indische Fusion-Küche, Suppen oder Kuchenverzierungen. "Unser Konzept ist nicht in Stein gemeißelt", erklärt Jeremy, "wir passen uns den Gästewünschen an." Von Besserwisserei hält er nichts, von Austausch dagegen viel: "Wir können alle etwas voneinander lernen." Jeremy selbst ist kein Profikoch, sondern hat lange Jahre in der Werbebranche gearbeitet. Seine Leidenschaft für gutes Essen bewog ihn schließlich vor zwei Jahren zur Gründung von African Relish.

Rund 85 Prozent der Produkte, die bei den Kochkursen verwendet werden, kommen aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Kaum zu glauben in einer kargen Gegend wie dieser. Mehr als 300 Sonnentage mit durchschnittlich 220 Millimetern Niederschlag pro Jahr - das sind die dürren Eckdaten für Prince Albert. Doch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem aus den Swartbergen speist die Gärten - Blumen, Bäume, Beete, Plantagen.

Der Gebirgszug bildet die natürliche Grenze zwischen der Großen und der Kleinen Karoo, etwa zweieinhalb Stunden von George an der Garden Route entfernt. Die Fahrt führt durch endlose Weiten und schmale Bergschluchten. In den Abendstunden wallen die goldenen Sonnenstrahlen wie Rapunzelhaar über die schroffen Felsen und stehen in hartem Kontrast zu den pechschwarzen Schlagschatten.

Als die Keimzelle von Prince Albert gilt eine 1762 gegründete Farm. Die meisten Häuser wurden etwa 100 Jahre später errichtet, als Edelmetall und Straußenfedern für wirtschaftliche Blüte sorgten. 1871 wurde auf der Spreefontein-Farm ein 70 Gramm schwerer Goldklumpen gefunden - in einem Loch, das ein Erdferkel gegraben hatte. In den folgenden Jahren kamen fiebrige Goldgräber aus Nah und Fern, doch der Schatz war bald gehoben. Zur gleichen Zeit sorgte der Handel mit Straußenfedern für satte Einnahmen, aber mit der Weltwirtschaftskrise war auch dieses Geschäft passé.

Mittlerweile lebt die verträumte Ortschaft hauptsächlich vom Tourismus. Die Straßen sind mit anheimelnden Bed & Breakfast-Schildern garniert, und das vielfältige Angebot der Touristeninformation reicht von botanischen Spaziergängen über astrologische Touren bis zu Ghost Walks. Ja, Geisterführungen, denn Prince Albert ist keinesfalls so harmlos, wie es scheint.

Die weißgetünchten Häuser mit ihren niedlichen Giebeln, viktorianischen Veranden und Vorgärten voller roter und barbiepinker Bougainvillea sind nicht alles. Davon ist jedenfalls Ailsa Tudhope überzeugt. Wenn sich über Prince Albert die Dunkelheit legt und am rabenschwarzen Firmament die Milchstraße erstrahlt, als hätte der Himmelsgärtner eine riesige Sternengießkanne ausgeschüttet, dann tritt die betagte Dame auf den Plan - historisch gekleidet in einen bodenlangen, schwarzen Umhang.

Sie webt die Schauermärchen, die durch den Ort geistern, zu einem Rundgang zusammen. Hernach weiß man, dass es in Prince Albert neben den 10.000 lebenden Seelen noch eine unbestimmte Anzahl an halbtoten gibt, die ruhelos herumirren: in der Nähe des alten Friedhofs, einem Feld mit anonymen Steinhaufen, aber auch durch die Bed & Breakfast-Häuser.

Und wenn man dann in einem der geschmackvoll eingerichteten Zimmer Nachtquartier bezieht, knarzen die Dielen plötzlich nicht mehr, sondern seufzen. Bauschen sich die Vorhänge, obwohl kein Wind geht, und schwingen die Türen wie von Geisterhand auf. Einmal in den Schlaf gesunken, ranken sich die Träume aber glücklicherweise nicht um Spukgestalten, sondern um die Gaumenfreuden des Tages: Ravioli-Berge, saftiges Lamm und zartsüßen Malven-Pudding.

Pilar Aschenbach

Link-Sammlung
Prince Albert: www.patourism.co.za
Kochschule African Relish: www.africanrelish.com, Station einer kulinarischen Safari von Meier's Weltreisen
Botanische Führungen: www.renu-karoo.co.za 
Ghost Walk: www.storyweaver.co.za

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