Ägypten

Eine Nacht mit Ramses

Er weiß, wann die Sonne kommt: Wachmann in Abu Simbel am Nasser-See.

Am 22. Oktober wiederholt sich in Abu Simbel das Sonnenwunder

Tempel von Abu Simbel. Fotos: jm

Es ist 3.10 Uhr und stockdunkel. Seit über einer Stunde sind Miyu und Takumi auf den Beinen. Jetzt hocken sie, wie rund einhundert Japaner, Deutsche, Nordamerikaner und Franzosen, direkt zu Füßen der vier kolossalen, 22 Meter hohen Ramses-Statuen von Abu Simbel. Schlange sitzen am Tempel, ein bisschen Dösen und mit den Sitznachbarn tuscheln: Ein paar japanische Landsleute hätten sogar 5.000 Euro Bakschisch bezahlt, nur um in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober im Tempel meditieren zu dürfen, heißt es. Ansonsten gilt: Wer zuerst kommt, guckt zuerst!"

Sonnenwunder", erklärt Mohamed El Bialy, "bedeutet, dass das Sonnenlicht bis in das rund 65 Meter hinter dem Tempeleingang gelegene Heiligtum fällt und dort drei der vier Götter beleuchtet: von rechts gesehen den Sonnengott Re, Ramses II. mit mächtiger Doppelkrone, Reichsgott Amun und Ptah, der auch in diesen 20 Minuten stets im Dunkeln bleibt. Der Gott der Dunkelheit benötigt schließlich niemals Licht." El Bialy ist Direktor der antiken Stätten von Assuan, Nubien und damit auch von Abu Simbel. Das Schauspiel passiert zweimal im Jahr: am 22. Oktober und 22. Februar.

Um 3.34 Uhr zieht eine Hundertschaft Polizei in Paradeuniform zum Tempel. Mit Seilen sperren sie die Mitte vor dem Tempeleingang ab, den Weg, den die Sonnenstrahlen bis ins Heiligste nehmen werden. Leider spricht keiner der Polizisten englisch, doch unter den Touristen geht es bilateral japanisch-deutsch auf englisch weiter. Ob man Ramses heutzutage vielleicht sogar als Diktator bezeichnen würde, ist die Überlegung? Der vierfache Ramses aus Stein scheint erhaben und gütig zu lächeln ob der These im gelblichen Kunstlicht. "Wahrscheinlich", mischt sich eine Kalifornierin ein, "schließlich dienten ihm die Leute wie Sklaven." Sicher ist: Die Lebens- und kulturelle Situation aus dem 13. Jahrhundert vor Christus lässt sich schwer mit dem 21. Jahrhundert und der vergangenen Mubarak-Ära vergleichen.

Plötzlich erschallt laute Headbanging-Musik. Welch ein Affront an diesem Ort. Es ist 5.20 Uhr, der Sonnenaufgang naht. Noch sind die steinernen Ramses-Figuren angestrahlt. Auch im Tempelinneren brennt noch Licht. Die werden doch nicht ...? Nein, um 5.45 Uhr gehen Lichter und Musik aus. Es dämmert und die Spannung steigt. Ein Dunstschleier verhindert die ersten direkten Sonnenstrahlen in den Tempelgang. Es dauert bis 5.56 Uhr: Dann dringen sie in das Innere des Tempels. Doch mit der Anmut ist es nun vorbei: "Yala! Yala!", rufen die Polizisten und schieben die Leute in den Tempel wie eine Viehherde.

So viele wie möglich sollen das Sonnenwunder erleben können. "Yala! Yala!" Wer stehen bleibt, wird weiter geschubst. Und der Weg ist genau vorgegeben. "Yala! Yala?...!" Bis man vor den vier Göttern steht: Ptah im Dunklen, die anderen Drei angestrahlt vom roten morgendlichen Sonnenlicht. "Yala! Yala!" Weiter, weiter. In gebückter Haltung, damit kein Schatten auf die Figuren fällt, wird man weiter gedrängt. Schade, es ist nicht wie am Gipfelkreuz, wo die Härten des Aufstiegs mit Ruhe und Erhabenheit belohnt werden. Aber in den Alpen tummeln sich auch nicht 5.000 Menschen gleichzeitig an einem Ort.


Abu Simbel per Schiff
Der Tempel von Abu Simbel kann unter anderem im Rahmen von Kreuzfahrten auf dem Nasser See besucht werden. Sie sind bei nahezu allen Ägypten-Veranstaltern im Angebot, zu den Spezialisten gehören ETI und Phoenix Reisen.

Jochen Müssig

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