Tunesien

Vogelfrei und fröhlich

Die Falknerei in El Haouarira am Cap Bon im Norden des Landes ist auch für Einheimische ein Ausflugsziel. Foto: rh

Ein Ort zelebriert seit Jahrzehnten die Falkenjagd

Stolz wie ein Vater schaut Hassan Ben Daffar auf den Vogel, der sich an seinen Daumen krallt. "Schauen Sie, er ist noch jung, seine Bauchlinien sind noch recht breit", erklärt der alte Herr. Ben Daffar kennt sich aus mit Vögeln. Er ist einer der 340 autorisieren Jäger, die in Tradition der hier siedelnden Römer mit Hilfe von Sperbern und Falken Kleinwild jagen: Hasen, Rebhühner, Wachteln. Ben Daffar lebt in El Haouaria auf der Halbinsel Cap Bon.

Aquilaria hieß die Gegend in der Antike - Land der Adler. Denn seit alters her machen hier, am südlichen Ufer der Straße von Sizilien, Tausende von Zugvögeln Rast bei ihrer Reise von Europa nach Afrika und umgekehrt. Vogelbeobachter aus der ganzen Welt folgen alljährlich dem Spektakel. Die Bewohner von El Haouaria kennen die Migrationszyklen der gefiederten Gesellen genau. Sie machten sich dieses Wissen zunutze und ließen die bereits auf römischen Mosaiken dargestellte Tradition der Falknerei in ihrem Städtchen aufleben.

Um die Jagdsaison zu beschließen und die Freilassung der gefiederten "Jäger" bis zum nächsten Jahr gebührend zu feiern, begeht das nordtunesische Städtchen zudem seit 1966 das "Festival de l'épervier". Vier Tage lang, jeweils Ende Juni, lockt das "Sperberfest" mit Jahrmarktstimmung und Wettbewerben. Dicht gedrängt hocken die Wettbewerbszuschauer auf gemauerten Sitzreihen steil am Hang. Neugierig folgen ihre Augen all jenen, die mit ihren gefiederten Freunden auf der Faust gekommen sind. Natürlich ist auch Ben Daffar unter ihnen. Wie jedes Jahr wird er seinen dressierten Sperber fliegen lassen und hoffen, dass der Vogel die Beute nicht nur möglichst rasch erwischt, sondern sie auch zu seinem "Meister" zurückbringt.

Das Publikum klatscht und johlt bei jedem geglückten Fang, Schiedsrichter wachen streng über die Einhaltung der Festival-Regeln. Später treffen wir nicht nur die Sieger unter den bunten Fähnchen des großen Festplatzes wieder. Und bei der Heimfahrt am Ende des Festivals scheint es fast, als flöge auch der steinerne Adler auf dem Denkmal im Verkehrskreisel von El Haouaria gleich davon.
Rita Henß

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