Marokko

Zwischen Sandwehen und Tänzern

Rast in der Hitze: Beduinenzelte mitten in der Wüste. Foto: rfk

Marokkos Wüsten bieten Szenen wie aus Tausendundeiner Nacht

Die Schnauze des Land Cruisers ist gen Süden gerichtet, kraftvoll erheben sich die eisigen Gipfel des Hohen Atlas. Unser Ziel ist den Rand der Sahara bei Erfoud zu erreichen.

Bei Foum Zabel öffnet ein kleiner Tunnel, den 1930 Fremdenlegionäre durch den Fels getrieben haben, den Zugang zur Schlucht des Ziz. Jenseits der felsigen Barriere scheint sich die gradlinige Teerpiste am Horizont zwischen Staub und Hitze zu verlieren. Brennende Sonne, es zeigt sich kaum noch Vegetation. Ein Sandsturm kündigt sich an, die Temperaturen steigen auf über 45 Grad.

Hicham Madi, unser Guide von Maroc Travel, lässt Luft aus den Reifen, um durch den Treibsand zu kommen, der über die Piste weht. Mondartig dehnt sich die flache Sandwüste, deren ausgewaschenes Sedimentgestein kleine Zuckerhüte in den Himmel ragen lässt. Sicheldünen zeichnen weiche Wellen in die harte Kulisse. Windböen jagen feinen Sandstaub durch die geschlossenen Wagenfenster, wir müssen die Belüftung ausschalten, es knirscht schon zwischen den Zähnen.

Abends, am Lagerfeuer, Einsamkeit und Stille, der Nachthimmel darüber von tausenden glitzernden Sternen besetzt.Noch 80 Kilometer bis Erfoud, einem Nest mit 4.000 Einwohnern, das 1916 an der Oase Tafilalet gegründet wurde. Bis dorthin geht die Straße. Es ist der letzte Vorposten der Zivilisation und bietet den von der marokkanischen Westküste eingeflogenen Tagestouristen sogar Luxusübernachtungen. Auch am folgenden Tag verschwindet die Fahrbahn immer wieder im Sandtreiben. Ein Coca-Cola-Schild taucht aus dem Grau der Wüstendunstglocke auf. Eine Fata Morgana? Hicham grinst: „Die feiern da drinnen ein Fest!“

Schon zeigen sich bunte Rockzipfel im Eingang, ein Berber winkt uns herein. Schemenhafte Gestalten im Zwielicht, die sich zu orientalischen Klängen im Takt wiegen. Dampfend steht ein Hammelbraten bereit, sowie Pfefferminztee, den es so frisch und so gut nur in Marokko gibt. Einer der Tänzer springt aus dem Kreis, zerrt zwei Mädchen hinter sich her, schubst sie in die Mitte des Raumes. Da stehen sie, starren herüber, kichern. Zögern. Unter den feurigen Zurufen der Männer beginnen sie ihre Hüften zu wiegen, immer schneller, Armreifen klirren, die Tanzszene wird zu einem ekstatischen Wirbel der prachtvoll gekleideten Frauen. Urplötzlich bricht das Zusammensein ab: Die Männer verlassen den Raum, hinter der Lehmhütte brummen Motoren auf, schwere Trucks verschwinden im Staub.

In Erfoud warten die Sanddünen der Erg Chebbi. Weit weg von der Zivilisation leben Berberstämme hier abgeschlossen von der Welt. Der Rückweg wird uns durch die legendäre Todhra-Schlucht führen, zurück gen Heimat.
Roland F. Karl

Kommentar schreiben