Marokko

Tausendundein Tag im Labyrinth

In der Medina leben 150.000 Menschen, 300.000 arbeiten dort. Foto: hs

Unterwegs in den Gassen der Medina von Fes

Ein Transistorradio brüllt arabischen Pop über die Schulter eines Schneiders hinaus. Verschleierte Frauen huschen vorbei, dahinter ein Mann mit einem Karren voller Kaktusfeigen. Ein mit zusammengerollten Teppichen beladenes Maultier stakst über das holperige Pflaster, verschwindet hinter der nächsten Weggabelung noch tiefer im Labyrinth.

In Orange tropft es auf den Pfad zwischen den Häusern, es regnet in Gelb, in Rot. Auf Seilen trocknet in der Färbergasse die Wolle, und Menschen laufen Slalom um die triefende Farbe. Alltag in der Medina von Fes, der alten Königsstadt in Zentralmarokko.

Die Inszenierung heißt „Alltag“. Sie wird rund um die Uhr von ein paar Hunderttausend Mitwirkenden aufgeführt. Der Regiestuhl ist leer, der Zufall koordiniert das Geschehen auf dieser Bühne. Sie liegt etwa 150 Kilometer Luftlinie von der Atlantikküste entfernt und ist ein steinernes Labyrinth aus neben- und übereinander gestapelten Häusern, aus 320 Moscheen und Koranschulen, aus Minaretten, Palästen, aus Brunnen und Gärten. Schon früh hat die Unesco die Altstadt von Fes in ihre Liste des Welterbes aufgenommen.

Der Alltag brandet wie seit Hunderten von Jahren durch das Netz schmaler Schneisen im unüberschaubaren Häusermeer, durch verschlungene Pfade, die so zufällig verlaufen, als hätte der emsige Menschenstrom immer wieder neue Gassen durch den Stein herausgewaschen. Rund eine Million Einwohner hat Fes. 150.000 davon wohnen in der Medina, 300.000 arbeiten dort. Es gibt keinen brauchbaren Plan dieser Souks. Heraus kommt jeder irgendwann, aber auf kurzem Weg zum Ziel gelangt nur, wer hier aufgewachsen ist.

Einzig die Auslagen mancher Geschäfte sind Referenzen an das Jetzt: CDs mit den Songs arabischer Schlagersänger etwa und batteriebetriebenes Kinderspielzeug. Im Schein von Öllampen werkeln Tischler in winzigen Werkstätten im Souk Nejjarine, Weberfamilien fabrizieren im Innenhof ihrer Häuser edle Tücher. In den Gassen, die zum Gerberviertel El Chouara führen, verkaufen Männer Sträuße aus frischer Minze an Touristen. Wer die Blätter zwischen den Fingern zerreibt, tröstet die eigene Nase, während die Augen von einer Dachterrasse aus auf die gemauerten Tröge der Gerber herabblicken.

Noch heute ist die Altstadt nach Zünften unterteilt, nur eine überschreitet die Grenzen der Viertel: die der Spediteure, der Esel- und Maultiertreiber. Die Gassen sind zu schmal für Autos. Wer etwas zu befördern hat, wendet sich an einen der Maultier-Transportunternehmer – ein Beruf, der seit Generationen vom Vater auf den Sohn übergeht. 140 Lasttiere sind für die Altstadt lizenziert. Sie schaukeln durch anderthalb Meter breite Gassen.

Das Leben der Medinabewohner wendet sich unterdessen von der Straße ab, ist unsichtbar für Flaneure. Die Fenster der Häuser sind zum Innenhof gewandt. Weit über hundert Paläste gibt es in der Altstadt, die 793 gegründet wurde: Zimmerfluchten mit Höfen, Galerien, mit orientalischer Pracht, die niemand von außen erahnt.
Helge Sobik

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