Südafrika

Fast wie Friedrichshain

Johannesburg: Nicht so malerisch wie Kapstadt, aber durchaus spannend.

Johannesburg will sich zur Trend-Metropole mausern

Maboneng war vor einigen Jahren noch ein No-go-Area für Weiße.

Kennt die Stadt wie seine ‧Westentasche: Fotograf Bheki Dube. Fotos: pra (2), www.dein-suedafrika.de

Vor Uncle Merv’s Coffee Shop sitzt ein buntes Völkchen in der Morgensonne, trinkt Caffè Latte oder Milch-Shakes mit einfallsreichen Namen wie Xander Jackson und Amber de la Moon. Die Gegend sieht ein wenig aus wie viele Szeneviertel dieser Welt, ob in Berlin-Friedrichshain oder in New Yorks Meatpacking Disctrict. Industrieruinen und alte Lagerhäuser locken junge Kreative, Galerien, Büros und Kneipen werden eröffnet, um irgendwann von Boutiquen, Nobelrestaurants und Penthouses abgelöst zu werden.

Doch so weit ist es hier im „Maboneng-Gürtel“ noch längst nicht. Die einstige No-go-Area in Johannesburg ist erst seit vier Jahren im Aufstieg. Immobilienentwickler Jonathan Liebmann hat das gesamte Gebiet östlich der Innenstadt aufgekauft, saniert nun Gebäude für Gebäude und schafft neue Gewerbe- und Wohnflächen.

Der neue Name ist Programm: „Maboneng heißt Ort des Lichts“, erklärt Bheki Dube, „wir wollen die Gegend wieder mit Leben füllen.“ Bheki gehört zu den jungen Kreativen, die dabei sind, das Viertel zu erobern. Der 21-Jährige hat Journalismus studiert, arbeitet als Fotograf und betreibt seit drei Jahren sein eigenes kleines Business: Mainstreet Walks (www.mainstreetwalks.co.za).

Auf seinen Rundgängen zeigt er Touristen die interessantesten Stellen im Zentrum von Johannesburg. Lange galt die südafrikanische Wirtschaftsmetropole als gefährlicher Moloch, unerfahrene Besucher trauen sich nur zögerlich auf die Straße. Doch mit Bheki oder einem seiner Guides können sie getrost losziehen.

Mainstreet Walks hat sein Büro in einem alten Schiffscontainer in der Fox Street, Ecke Kruger. Hier sind die Erfolge des Maboneng-Projekts schon überall zu sehen: Cafés, Restaurants, kleine Geschäfte. Einige Häuser weiter bietet das 12 Decades Arthotel von Künstlern gestaltete Unterkünfte mit Ausblick, im neunten Stock gibt es eine Rooftop-Bar. Um die Ecke im Gebäude von „The Main Change“ beugen sich Medienschaffende in der Coworking-Etage über ihre Laptops. Unten werden die Kleider der Designerin Anisa Mpungwe angeboten.

Nur zwei Straßenecken weiter ist von dem trendigen Ambiente nichts mehr zu spüren: Auf dem Gehsteig steht ein Autowrack, während sich gegenüber große Haufen von Plastikmüll türmen. Mit dem Sortieren verdient sich eine Handvoll von Menschen hier ihren kärglichen Lebensunterhalt.

Wohlstandsidyllen bekommt man nicht zu sehen im Zentrum von Johannesburg. Ärmlich und heruntergekommen ist die Stadt noch immer an vielen Ecken, doch zugleich gibt es viel Platz für Originelles, Experimentelles und Übriggebliebenes.

Im Collector’s Treasury stapeln sich auf fünf Etagen alte Bücher, Schallplatten, Porzellan und Nippes. Auf dem Kwa Mai-Mai Market, einem ausgedehnten Gelände mit alten Pferdeställen, werden neben Sandalen und bunten Tüchern obskure Tierprodukte als Schmuck oder Heilmittel feilgeboten. Man kann zusehen wie traditionelle Speere geschnitzt und Möbel geschreinert werden.

Das Straßenleben und die lebendige Kunst- und Musikszene mache die Stadt zunehmend interessanter für Touristen, meint Bheki Dube. „Viele sagen, dass Johannesburg Ähnlichkeit mit Berlin hat.“ Seit der Fußballweltmeisterschaft hat sich die Sicherheitslage deutlich verbessert. Mit den BRT-Metrobussen gibt es seit einem Jahr Ansätze für ein modernes öffentliches Verkehrsnetz, und seit Neuestem fahren sogar Hop-On-Hop-Off-Busse für Touristen durch die Stadt.

Neues tut sich nicht nur im Maboneng Precinct, sondern auch in Newton entlang der Diagonal Street, rund um das Market Theatre und das Museum Africa sowie in Braamfontein, dem Zentrum des studentischen Lebens. Bheki glaubt fest an den Aufwärtstrend in seinem Viertel und will sein Geschäft ausbauen. Im November hat er mit Investor Liebmann ein Backpacker-Hotel namens „Curiocity“ eröffnet.
Klaus Pranger

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