Südafrika

Mit Kunst gegen die Lethargie

Design im Szeneviertel Woodstock.

Die südafrikanische Metropole Kapstadt ist dieses Jahr Welt-Design-Hauptstadt

Andile Dyalvane, Keramikkünstler aus dem Eastern Cape.

Sie modernisieren das Viertel Salt River: das Architekten-Team von „Gibbs, Saint und Pol“. Fotos: sm

Auf den farbenfrohen Tonvasen und Terrakotta-Schalen sind noch immer seine ländlichen Wurzeln deutlich erkennbar: „In meinem Dorf in Eastern Cape haben wir Kühe gemolken, aber auch die Rituale unserer Stämme sind noch lebendig in mir“, sagt der sympathische Andile Dyalvane mit der wilden Dreadlocks-Mähne. „Diese Szenen stecken tief in meinem Kopf und übertragen sich auf mein Töpfern.“

Mitte der 1990er wagt es der heute 35-Jährige, in die hippe Metropole zu gehen, um Kunst und Design zu studieren. Der Anfang ist hart, zunächst lebt er mit seinem Vater im Township Gugulethu. Doch der talentierte Andile schafft es aus eigenen Stücken, aus dem Arbeiterviertel herauszukommen. Heute hat er sein eigenes Studio im Szeneviertel Woodstock und stellt seine Keramikkunst in Museen aus.

Die Konkurrenz ist stark geworden. Viele andere renommierte Künstler arbeiten inzwischen in der zweitgrößten Stadt Südafrikas. Insgesamt tummeln sich über 1.500 Designer aus den Bereichen Mode, TV, Möbel, Kunsthandwerk in stilvoll restaurierten Fabrik- und Lagerhallen. Ateliers, Galerien, trendige Cafés und Handwerksmärkte schießen wie Pilze aus dem Boden, vor allem an der Sir Lowry Street und der Albert Road.

Gleich um die Ecke von Woodstock zeigen drei junge Landschaftsarchitekten, dass Design über bloße Kunst hinausgeht und ebenso urbane Stadtentwicklung bedeutet. Sie modernisieren gerade einen Straßenzug im ehemals düsteren Viertel Salt River. David Gibbs und sein Team bauen einen Park aus, mit kleinen Teichen und einheimischen Pflanzen, ebenso wird eine alte Textilfabrik in Büros, Shops und Cafés umgewandelt. Eine Fußgängerzone nach italienischem Vorbild entsteht – mit vitalem „urbanem Raum“.

„Wir verstehen Städteplanung als Verbesserung der Lebensverhältnisse in einem Viertel“, sagt Gibbs. Und Salt River war bisher geprägt von Kriminalität und anderen sozialen Problemen. Die Architekten wollen „neue Verbindungen zwischen Nachbarn“ schaffen, um auch die Gegend sicherer zu machen. „Wer stolz auf sein Haus ist, kümmert sich auch darum“, so der Kapstädter.

Doch auch in den Großwohnsiedlungen außerhalb der Metropole entsteht Design: Lokale wie internationale Künstler verwandeln Wellblechhütten und Häuser in Galerien. Beim „Maboneng Township Arts Experience“ im Herzen der ältesten Siedlung Kapstadts, Langa, öffnen Bewohner wie Thombakazi Nbabula Besuchern ihre Haustüren – und zeigen Licht- und Videokunst neben vergilbten Kinderfotos und roten Stoffsofas. Die 47-Jährige sieht den Bildungseffekt für Kinder: „Die Kleinen lernen etwas über Kunst – und vielleicht öffnet das eine neue Tür für ihren weiteren Lebensweg.“

Die junge Lebohang Matolong, die Gäste in den Hausgalerien herumführt, denkt weiter: „Wenn wir in der Gemeinde zusammenarbeiten, können wir von solchen Projekten profitieren – und später Geschäfte eröffnen und Kunst hier verkaufen“, so die 21-Jährige. „Die Lethargie in Langa könnte so gestoppt werden.“
Sandra Malt
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