Äthiopien

Ein Museum der Völker

Höhepunkt im Leben eines Hamar-Mannes: der erfolgreich absolvierte Bullensprung

Höhepunkt im Leben eines Hamar-Mannes: der erfolgreich absolvierte Bullensprung

Überraschend und ursprünglich, faszinierend und fremd: Der Süden des Landes ist das Zuhause von mehr als einem Dutzend Ethnien

Straßensperre: Drei Jungen vom Volk der Tsamai mit wilder Körperbemalung

Straßensperre: Drei Jungen vom Volk der Tsamai mit wilder Körperbemalung

Fotos: hb

Fotos: hb

Der Moment ist kurz, ein Augenzwinkern lang. Es scheint, als hielten alle in der Runde gleichzeitig den Atem an. Gerade wirkte das Szenenbild noch laut und ungestüm, das Geschrei der Kinder, die Rufe der Männer, das Singen der Frauen, das Lärmen der Schellen, das Klatschen der Peitschen. Es war ein Fest für die Sinne, ungemein spektakulär – und am Ende doch nur ein Vorgeplänkel für den großen Auftritt, für den die Zeit jetzt reif ist. Ein Bullensprung steht an, der Initiationsritus der Männer vom Volk der Hamar.

Rennen über Rinderrücken

Ein Teenager nähert sich einer Gruppe Rinder. Er ist nackt, hat nur ein Band aus Pflanzenfasern um die Brust geschlungen. Die Tiere stehen Flanke an Flanke, festgehalten an ihren großen spitzen Hörnern und an ihren Hintern von anderen Männern. Würde der Junge den Bullensprung nicht wagen, hätte er auf ewig den Ruf eines Versagers. So nimmt er Anlauf, steigt über ein Kalb auf, rennt über die Rinderrücken. Beim ersten Mal wirkt er wackelig, beim zweiten Mal rutscht er fast aus, dann ist alle Last von ihm abgefallen: Er fliegt förmlich über die Tiere. Endlich gilt er als Mann! Und lässt sich vor den Kameras der Touristen feiern.

Ein Freilichtmuseum der Völker: 45 Ethnien leben in Äthiopiens Süden, wo sie den Berghängen Äcker abtrotzen oder als Halbnomaden von der Rinderzucht leben. Reiseleiter Eyob Getachew, geboren in Äthiopien, ausgebildet in Deutschland, wird die nächsten Tage für die Kleingruppe von SKR Reisen ein Mittler sein zwischen den einander so fremden Welten. Und viel organisieren: Für die Besuche der Dörfer sind lokale Guides Pflicht, und auch die Bezahlung für Fotos muss von ihm verhandelt werden. Mitbringen müssen seine Gäste die Bereitschaft zum Komfortverzicht: Viele Unterkünfte im Süden sind einfach, die Wege weit, die Schotterpisten staubig.

Wüstenrosen neben Termitenbauten

Wüstenrosen blühen neben Termitenbauten, die wie Schornsteine aus der Savanne ragen. Auf den Hügeln stehen die Hütten der Dorze: Sie sehen aus wie Bienenstöcke und sind zwölf Meter hoch. Wir kosten Zierbananen-Brot, kippen einen Gerstenschnaps und werden von drei Jungs aufgehalten. Als wandelnde Skelette auf Stelzen blockieren sie die Straße – die Tsamai sind berühmt für ihre Körperbemalung. Es geht zu den Konso, deren terrassenförmig angelegte Felder zum Unesco-Welterbe zählen. Alte Männer wetteifern hier beim Brettspiel und huldigen mit einem Generationenbaum den Ahnen. Wir queren den Mago-Nationalpark auf der Suche nach den Mursi-Frauen, die verzierte Tonteller in ihrer Unterlippe tragen, besuchen die Dasanech am Omo-Fluss und auch die Hamar.

Der äthiopische Kalender kennt 13 Monate, daher hängt er unserer Zeitrechnung einige Jahre hinterher. In den Felsenkirchen im Hochland Nordäthiopiens reist man zu den Anfängen der christlich-orthodoxen Kultur, die einem vertraut ist. Im südlichen Landesteil ist es eine Zeitreise zu Volksstämmen mit viel älteren Traditionen – ursprünglich, faszinierend und fremd.

Von Helge Bendl

Info: Reisen nach Äthiopien

Die Höhepunkte Äthiopiens in 15 Tagen: Bei den Kleingruppenreisen von SKR reisen maximal zwölf Teilnehmer zu den Unesco-Welterbestätten im Norden (Felsenkirchen, Simien-Gebirge) und zu den Völkern des Südens. Als individuelle Reise mit Privatguide ist eine solche Kombination bei Geoplan buchbar. Bei der Tour „Kulturelles Südäthiopien“ von Boomerang Reisen verbringt man neun Tage an den Seen des Rift Valley und besucht die Konso, Hamer und Mursi.

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