Thailand

Thailand: Phi Ta Khon!

Offenes Maul und lange Nase: drei Maskierte im Ponchai-Tempel

Offenes Maul und lange Nase: drei Maskierte im Ponchai-Tempel.<br>Foto: rh

Beim Geister-Festival in der Provinz Loei

Zuerst höre ich nur Trommeln und Sprechgesang, dann nähert sich aus der Dunkelheit eine Gruppe von Menschen. Ein grauhaariger Mann, ganz in Weiß gekleidet, führt den Zug an.

Er ist vom Mun-Fluss unterwegs zum Ponchai-Tempel: Dorthin bringt er heilige Steine, die vom Bett des Flusses geholt wurden. Es ist der Auftakt des Phi-Ta-Khon- Festivals in Dan Sai im Nordosten Thailands.

Der Por Saen, der Anführer der nächtlichen Prozession, ist eine wichtige Person in Dan Sai, einer 10.000-Einwohner-Stadt in der Provinz Loei, etwa 500 Kilometer nordöstlich von Bangkok. Doch der wirkliche spirituelle Führer ist der Jao Por Guan: Er ist das Medium, das die Menschen aus der Region mit den Geistern ihrer Vorfahren verbindet.

Seit mehr als 25 Jahren ist der heute 67-Jährige für die Menschen in Dan Sai der direkte Zugang zur Geisterwelt. In seinem Haus versammeln sich die Teilnehmer des Zuges und andere Einheimische. Während Ventilatoren leise klappern, hocken die Besucher auf dem Boden, meist rund um ein Tablett, auf dem Schüsselchen mit Currys, Fleisch und scharfen Soßen stehen.

Nur der Jao Por Guan selbst hat keine Hand frei zum Essen, denn zwei Helfer umwickeln seine Handgelenke mit weißen Fäden. Vor ihm steht eine Pyramide aus Bananenblättern, Kerzen, Blumen und Schmuckbändern. Dieses so genannte Bai Sri ist ein Symbol des Lebens – doch wie bei fast allem hier gibt es unterschiedliche Deutungen und Erklärungen.

So auch für das gesamte dreitägige Phi-Ta-Khon-Festival, das in der Regel im Juni zelebriert wird. „Phi“ steht für Geist – und viele Leute übersetzen Phi Ta Khon deshalb mit „Geist, der den Menschen in den Ort folgt“.

Mittlerweile wird das Geisterfest aber auch als thailändische Walpurgisnacht oder thailändisches Halloween bezeichnet. An mehreren Tagen ziehen Tausende Maskierte durch den Ort. Viele halten eine Mischung aus Schwert, Lanze und Holzpenis in der Hand. Die meisten Kostüme sind echte Kunstwerke: Typisch ist ein großer, meist weit aufgerissener Mund mit überdimensionierten Zähnen.

Am Spätnachmittag des zweiten Tags zieht eine weiterere Prozession zum Ponchai-Tempel. Jao Por Guan sitzt diesmal im Reiterstil auf einer Sänfte aus Bambusstangen. Vor sich hat er eine vergoldete Schüssel – und immer wieder winkt er den Menschen zu und wirft Bonbons in die Menge. Der geistige Führer des Ortes wirkt dabei fast wie ein Karnevalsprinz, der sich durch die Menschenmenge tragen lässt.

Auf kleineren Sänften sitzen buddhistische Mönche in orangefarbenen Roben. Dreimal umrundet der Zug die Hauptgebäude des Ponchai-Tempels, danach beginnt im Tempelinneren eine Zeremonie. Stunden später, wenn diese längst vorbei ist, feiern und tanzen die Einheimischen weiter bis weit nach Mitternacht. Denn wenn die Geister in Dan Sai einmal pro Jahr Ausgang haben, geht niemand früh schlafen.
Rainer Heubeck