Japan

In der Ruhe liegt die Kraft

In Tokio wimmelt und wuselt es an allen Ecken. Wie gut, dass es auch Rückzugsmöglichkeiten gibt. Foto: Sean Pavone/istockphoto

Hinter so manch globalisierter Hightech-Fassade von Tokio verbergen sich noch viele alte Traditionen

Taiko-Trommler Koya Tamya gibt alles. Foto: mk

Böse Zeitgenossen behaupten, Japaner seien schon so weit technisiert, dass ihr erschöpftes Haupt beim Zubettgehen mit einem müden „Plong“ aufs Kissen sinkt. Schließlich gibt man sich in der Metropolregion Tokio, in deren Einzugsgebiet mehr als 37 Millionen Menschen leben, sichtbar alle Mühe, mit Dauerbeschallung ‧eine möglichst lebhafte Atmosphäre herzustellen.

Für westliche Besucher ist das bisweilen recht gewöhnungsbedürftig, wenn Rolltreppen oder Aufzüge plötzlich ungefragt drauflos plappern. Verstehen doch die wenigsten, dass sie eigentlich nichts weiter verkünden als: „Achtung Rolltreppe!“ oder „Vorsicht Türen schließen!“ Kurioser wird es allerdings, wenn sich einem in Star-Wars-Manier ein humanoider Roboter mit großen, LED-leuchtenden Manga-Augen in den Weg schiebt, um seine Hilfsdienste als Lotse durch die Shopping Mall anzubieten. Sein mit kindlicher Stimme verkündeter Name: „Mr. Pepper“. Da darf man sich bis zu den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio sicher noch auf so einiges an technischen Spielereien gefasst machen.

Bis die Erde zittert

Und dennoch: Obwohl das Land wie kaum ein anderes viele westliche Lebensweisen übernommen hat, verbergen sich hinter so manch globalisierter High‧tech-Fassade noch immer viele alte Traditionen. Und bevor man als unerfahrener Westler zwischen Menschenmassen und Dauerbeschallung komplett die Nerven verliert, ist ein Trommelkurs zum Aggressionsabbau sicher nicht so ganz verkehrt, zumal dieser einem sogar noch das Fitness-Studio erspart.

„Bei jedem Konzert nehme ich fast drei Kilo ab“, sagt etwa Koya Tamya vom Taiko Lab im Stadtteil Asakusa und bringt eine der traditionellen Taiko-Trommeln von bis zu zwei Metern Durchmesser zum Schwingen. Schon die Samurai erkannten die Wirksamkeit einer Taiko, sei es um die Gegner einzuschüchtern oder auch um den eigenen Körper in Angriffsmodus zu versetzen. Die Schwingungen dieser Riesentrommel lassen die Erde erzittern und man spürt ihre Resonanz hautnah bis in die letzte Körperzelle.

Kein Meister fällt vom Himmel

Um künftig für jeden Großstadtdschungel dieser Welt gewappnet zu sein, weiht einen dann noch Meister Uetsubara, der eine Iaido-Schule im Stadtteil Nihonbashi betreibt, in die traditionelle japanische Kampfkunst ein. Während man in die passende Kleidung geschnürt wird, die aussieht wie eine bodenlange, schwarze Mönchskutte, erfährt man, dass diese Kunst des so genannten Schwertziehens aus der Kampfkunst der Samurai entstanden ist. „Die Perfektion ist erst erreicht, wenn man eine Situation so beherrscht, dass man das Schwert erst gar nicht ziehen muss“, sagt Uetsubara und meint damit: Es ist wirklich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Seine wie eine Ballett-Choreografie wirkende Darbietung sieht leichtfüßig und geschmeidig aus. Dagegen gelingt es seinen ungeübten Schülern kaum, auf Anhieb Schrittfolgen und die Schwert‧‧‧bewegungen gleichzeitig zu koordinieren.

Da heißt es, sich in Geduld zu üben, schließlich braucht auch ein Meister 30 Jahre bis zur Perfektion. Und so lernt man, dass Japaner auch Meister des Kampfgeistes sind: Aufgeben? Niemals!

Margit Kohl
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