Spanien

Spanien: Wo der Kessel über Köpfe saust

Die Kathedrale in Santiago de Compostela ist auch Endpunkt des Jakobsweges.

Die Kathedrale in Santiago de Compostela ist auch Endpunkt des Jakobsweges. Foto: pixelio

In Santiago gibt es an religiösen Feiertagen ein Spektakel zum Staunen  

Armando ist seit mehr als 40 Jahren der Kopf der Tiraboleiros. Sie bringen den vielleicht berühmtesten Weihrauchkessel der Welt zum Schwingen. Der Kessel in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Nordspanien ist einen Meter 20 hoch, 80 Kilogramm schwer und besteht aus versilbertem Messing. Durch eine besondere Technik erreicht der Kessel einen Schwung mit der Spitzengeschwindigkeit von 68 Kilometern pro Stunde. Die Tiraboleiros beschleunigen ihn durch Nachgeben eines Seils am höchsten und Anziehen am tiefsten Punkt der Pendelbewegung, bis der Kessel mehr als 20 Meter hoch fast ans Gewölbe der beiden Seitenschiffe der Kathedrale fliegt. Von dort saust er durchs ganze Querschiff und hinterlässt einen feinen Duftstreifen von Weihrauch.

Gläubige und Pilger, Atheisten und Schaulustige finden sich ein, um mit großen Augen und offenem Mund die Zeremonie zu bestaunen. Wer an keinem wichtigen religiösen Feiertag in Santiago weilt, darf das Weihrauch-Spektakel auch ohne kirchlichen Anlass anschauen – eine kleine Spende von 240 Euro für eine Weihrauchmesse vorausgesetzt ...

Santiago de Compostela, wo die Gebeine des Apostels Jakobus (spanisch: Santiago) 829 entdeckt wurden, ist neben den beiden anderen Heiligen Städten des Christentums, Jerusalem und Rom, die einzige Stadt, die Heilige Jahre feiert. Und das seit 1122, als Papst Calixtus II. den Jubiläumsablass in der Kirche des Heiligen Jakobus ausrief. 1300 setzte das erste Heilige Jahr in Rom einen ersten Maßstab für Wallfahrten: 20.000 Pilger machten sich zu einer Reise nach Rom auf, etwa so viele wie die Stadt damals Einwohner hatte. Eine Pilgerreise nach Jerusalem war zu dieser Zeit wegen der Kreuzzüge nicht möglich.

Im Spätmittelalter wurde Santiago als Pilgerziel sogar bedeutender als Rom. Bis zu 500.000 Menschen zogen Jahr für Jahr dorthin, auf 2.500 meist schlechten Wegkilometern. Man erkannte sich an der Jakobsmuschel, an Umhang und Wanderstab. Die Kathedrale – 899 erstmals geweiht – war stets geöffnet, um den Pilgern Raum zu geben, egal, wann sie ankamen. Man aß und trank in der Kirche, schlief dort und verrichtete auch seine Notdurft, da es Toiletten noch nicht gab. Sogar Kinder wurden dort geboren. Aus hygienischen Gründen (Myrte hat desinfizierende Wirkung) und für besseren Geruch wurden schon damals Weihrauchkessel eingesetzt.

Mittlerweile darf sich Santiago zweifach Weltkulturerbestätte nennen: als Stadt mit seinem weitgehend unverfälscht gebliebenen mittelalterlichen Kern und als Station des Jakobswegs. Den darf man als Pilger zu Fuß begehen, als Radfahrer und bis auf die letzten 200 Kilometer sogar als Busreisender. Reiseveranstalter wie das Bayerische Pilgerbüro, in Deutschland derzeit der größte Anbieter für den Jakobsweg, helfen bei der Organisation. Die nächsten Heiligen Jahre in Santiago sind 2010, 2021 und 2027.

Jochen Müssig