Irland

Im grünen Herzen Irlands

Für spontane Proviantstopps – hier in Terryglass am Lough Derg – ist immer Zeit.

Unterwegs auf dem wechselhaften Shannon River

Marina und Klosterruinen bei Clonmacnoise. Fotos: pj

"Jerry" ist sportlich. Er gibt uns jedes Mal reichlich Vorsprung. Dann fliegt der Kormoran zum nächsten Pfahl im seichten Wasser, wo er Windböen ausbalancierend wieder wartet. Es macht dem Vogel offensichtlich tierisch Spaß, das knapp zehn Meter lange "Waveearl"-Motorboot, das mit nur 15 Stundenkilometern über den Shannon River tuckert, zu überflügeln.

Urlaub auf dem Wasser erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Auf einem gemieteten Hausboot ist die Freiheit fast grenzenlos. Hier kann jeder selbst den Landgang bestimmen, wo und wann er will. Auch in der Bordküche herrscht die große Freiheit - gegessen wird, worauf man gerade Lust hat. Auf dem größtenteils frei fließenden Shannon schippert es sich besonders entspannt durch die grünen Flusslandschaften unter einem oft dramatisch aufgewühlten Himmel.

Die Ernennung zum Freizeitkapitän ist dabei denkbar unkompliziert: Ohne Bootsführerschein, aber nach einer ausführlichen Instruktion durch den Bootsverleiher Waveline Cruisers, dessen Hausboote in vier Größen über Dertour angeboten werden, kann es losgehen. Es empfiehlt sich, stets eine etwas größere Bootskategorie zu wählen - schließlich wird die meiste Zeit an Bord verbracht.

Irland verfügt über die längste zusammenhängende, touristisch genutzte Wasserstrecke Europas: 700 Kilometer einschließlich aller Nebenstrecken. Die seit dem 18. Jahrhundert miteinander vernetzten Gewässer sind heute frei von Frachtverkehr. Abgesehen von den Schleusen, einigen engeren Passagen und Anlegemanövern am Pier bei starkem Wind ist das Navigieren eines Bootes auf dem Shannon relativ problemlos. Zur Sicherheit hängen an beiden Seiten zudem dicke "Fender", das sind mit Luft gefüllte Prallballons. Sie schützen den Bootskörper vor Schrammen.

Hat man sich als Steuermann nach kurzer Zeit an die trägen Reaktionen der schwimmenden Unterkunft gewöhnt, stellt sich eine wunderbare Gelassenheit im Umgang mit dem nautischen Vehikel ein. 30 bis 40 Kilometer lassen sich so pro Reisetag leicht zurücklegen. Wir halten nach Bojen und anderen Fahrbahnmarkierungen Ausschau, die zur Linken und Rechten den Kurs zwischen den Untiefen weisen. Langsam schieben sich die Klosterruinen von Clonmacnoise ins Blickfeld. Sie liegen in tiefgrünen Wiesen, direkt daneben grasen Kühe.

Am Ufer treiben Schwäne in der Dünung, und nach dem letzten Regenschauer leuchten die Farben in der Sonne jetzt umso satter. Unter den Brücken von Athlone, Shannonbridge und Banagher ist die Durchfahrt jeweils an nur einer Stelle erlaubt. Die Crews entgegenkommender Boote grüßen."Lough" ist das irische Wort für "Lake". Diese gewaltigen Ausweitungen des ansonsten ruhig fließenden Shannon können bei stürmischem Wetter so aufgepeitscht wirken wie das offene Meer.

Auf der gewählten Südroute von Athlone führt uns der Fluss hinunter bis nach Killaloe am Südzipfel des von Hügeln eingerahmten Lough Derg. Dort wenden wir wieder auf Heimathafen-Kurs, dieses Mal mit anderen Stopps und Marinas zum Übernachten. Am letzten Abend vor der Abreise steht das älteste Pub Irlands, "Sean's Bar" in der Kleinstadt Athlone auf dem Programm. Hier hat sich auch US-Präsident Obama bei seinem Irland-Besuch ein Guinness-Bier schmecken lassen.
Peter Jaitner

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