Belgien

Drei Städte, eine Kultur

In Brügge leuchten die bunten Giebelhäuschen auch über dem grünen Kanal.

Antwerpen, Gent und Brügge sind das Aushängeschild des flämischen Teils von Belgien

So romantisch ist die Studentenstadt Gent am Abend erleuchtet.

Handschuhe in Antwerpens ältester Ganterie. Fotos: al

Die mächtigen Holzflügel stehen still, nicht mal ein laues Lüftchen weht über den sattgrünen Deich. Fast wie ein Foto wirkt die Landschaft. Nur hinter dem Deich ist Bewegung. Eine Klappbrücke öffnet sich über dem Kanal und lässt einen Lastkahn gemächlich passieren.

Holland? Nein, Brügge in Belgien. Neben Gent und Antwerpen eine der drei schönsten Städte Belgisch-Flanderns. Jede der drei beeindruckt mit ganz eigenem Charme. So gilt Brügge nicht zu Unrecht als Venedig des Nordens, mit seinen Grachten, mittelalterlichen Backsteinbauten direkt am Wasser – und den vielen Brücken.

Flanderns flacher Boden eignet sich hervorragend für eine Stadttour per Rad. Als Brügge-Kundiger führt Daniel Pieters seine Gäste auf stabilen Hollandrädern durch die knapp 120.000 Einwohner zählende Stadt. Obwohl er schon über 65 ist, saust er gleich bei der ersten Biegung davon. Und wartet geduldig vor der St.-Salvador-Kathedrale mit ihrem barocken Hochaltar, zeigt den quirligen Marktplatz voller Blumenstände und stoppt bei der Liebfrauenkirche mit Madonnenstatue von Michelangelo.

„Flandern war schon immer beliebt bei Künstlern“, sagt er und spielt auf Jan van Eyck an, der hier als Maler wirkte. Klaviermusik zieht durch die Luft, Menschen sitzen im Garten beim Kaffee oder schauen aus Sprossenfenstern auf den Kanal. Aus einem Restaurant riecht es lecker nach gegrilltem Fisch. Der wird hier mit Schokoladensoße serviert, denn Brügge zählt zu den Schokoladenhochburgen der Welt.

Auch im nur eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernten Gent dominieren Grachten und Schokoladenkreationen. Doch während Brügges Altstadt eher museal wirkt, punktet Gent mit schrägen Ideen. Überall in der Studentenstadt locken Innovationen. Etwa beim Essen: Viele Restaurants preisen vegetarische Gerichte an. Haben wir einen Trend verpasst? „Nein, heute ist Donnerstag – Veggie-Tag in Gent“, schmunzelt der Kellner. Und serviert Schokokuchen, dazu einen belgischen Milchkaffee, den Koffie verkeerd, zum Blick auf die Kanäle.

Die Boote dort wecken Lust auf eine Wassertour: Skipper Godfried führt sein langes Schiff an der trutzigen Burg vorbei zu einer Wunschweide. „Wenn wir unter dem Baum hindurchfahren, schaut ihr in den Himmel und wünscht euch etwas.“ Zwei Verliebte nutzen die Chance zum Kuss. Nicht nur sie sind verzaubert, als sich dann die Nacht über die Stadt senkt. Lichtkünstler Roland Jeol hat das Gesamtbild konzipiert – mal leuchtet eine Statue lila, mal ein Haus goldgelb – und vor den vielen Kneipen züngeln Flammen in Feuertonnen.

Die letzte im Bunde, Antwerpen, hat ebenfalls Treppengiebel und Grachten zu bieten – und als einzige Hafenstadt Flanderns ihren Weltruf gehalten. Sie ist Zentrum der Diamantenschleifereien und gilt als Nachwuchsstar der Modeszene: Direkt hinter der Kathedrale liegt das Modeviertel mit namhaften Designern wie Ann Demeulemeester, Anne Fontaine oder Dries Van Noten.

Der „Fashion-Walk“ aber zeigt nicht nur die berühmten Shops, Stadtführerin Anne stoppt auch bei der Ganterie Boon, seit 1884 spezialisiert auf edle Handschuhe. Dünnes Leder in allen Regenbodenfarben ziert die Kreationen. Anne lächelt: „Sie gehören in Antwerpen einfach dazu. Ich habe auch ein Paar.“ Und leitet ihre Gäste vorbei an der Modeakademie wieder auf die Haupteinkaufsstraße, vorbei am Rembrandt-Haus hin zum Paleis op de Meir. Zu einem ganz besonderen Haute-Couture-Kleid – komplett aus Schokolade. Die dunkle Köstlichkeit verbindet heute die drei Städte wie einst die Wasserwege.
Andrea Lammert

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