Italien

Könige für eine Nacht

Steward Marco Girotto überwacht die Abfahrt und liest den Gästen jeden Wunsch von den Augen ab

Mit dem Venice Simplon Orient Express von Venedig nach London

Innen frühes 20., außen frühes 21. Jahrhundert: Im Orient Express gelingt die Zeitreise

Komfortabler kann man eigentlich gar nicht reisen. Fotos: sl(2), Belmond

„Wie bindet man denn eine Fliege?“ – „Weiß ich doch nicht.“ – „Und jetzt?“ – „Lass uns Marco fragen, der kann so was.“ Einmal kurz auf die Klingel gedrückt und 30 Sekunden später klopft unser Steward an die Kabinentür. Er weiß selbstverständlich, wie man eine Fliege bindet und hat die Sache ruckzuck erledigt. Sicher eine seiner leichteren Übungen als Mann für alles im Venice Simplon Orient Express. Unser Abendessen im nicht verhandelbaren Dresscode „Black Tie“ ist damit gesichert.

Die Fahrt in einem der exklusivsten Züge der Welt ist, wie sollte es anders sein, ein Erlebnis. Sobald man von den blau uniformierten und weiß behandschuhten Mitarbeitern herzlich begrüßt worden ist, wird man in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts katapultiert. 

Die Innenwände der 17 historischen Waggons sind mit Mahagoniholz vertäfelt, die Wasserhähne aus Messing und Emaille und die Art-déco-Lampen scheinen in einem so angenehm schummerigen Goldton, wie man ihn sonst nur aus alten Filmen kennt. Man könnte sich an das Ambiente gewöhnen, leider dauert die Fahrt von Venedig über Innsbruck und Paris nach Calais nur 24 Stunden. Von Dover aus geht es dann in wenigen Stunden mit dem British Pullman weiter nach London.

Die spannendste Frage vor der Abreise war die nach den Mitreisenden. Angesichts des Preises von knapp 6.000 Euro für die noch nicht einmal anderthalbtägige Reise erwarteten wir russische Oligarchen, orientalische Scheichs und Börsenmenschen aus London. Weit gefehlt, wie sich im Gespräch mit Zug-Manager Michele Rocca herausstellt. 

„Die meisten unserer Gäste sind ältere Briten, US-Amerikaner und Australier, die große Bahnliebhaber und Nostalgiker sind“, so Rocca. Und die Oligarchen? „Die kamen vor ein paar Jahren, haben schon bei der Reservierung Sonderwünsche verlangt und es dann schnell wieder sein lassen.“ Denn in die dreieinhalb Quadratmeter große Doppelkabine passen weder Kingsize-Betten noch Schrankkoffer oder eine eigene Toilette.

„Ich bin eine Computertussi aus dem Silicon Valley“, stellt sich Robin Martin vor. Die „irgendwas über 50“-Jährige ist mit ihrer 92-jährigen Mutter Gayle unterwegs und nippt spätabends im Barwagen zur Musik des Pianisten Ivan Barbari an einem ziemlich roten Cocktail. Nach dem Tod ihres Mannes fiel die alte Dame in ein Loch und die Tochter suchte nach etwas, womit sie sie wieder ein bisschen aufheitern konnte. „Ich habe sie gefragt, was sie schon immer mal machen wollte und die Antwort war eindeutig: Mit dem Orient Express fahren.“ Ihre Mutter nickt und fügt an: „Nächstes Jahr wollen wir dann nach Neuschwanstein.“

Noch etwas pathetischer wird es bei Linda Shambrook aus London, die mit ihrem Mann Peter den 43. Hochzeitstag an Bord feiert. Ihre Aussage muss man sich in schönstem Londoner Akzent und mit leuchtenden Augen vorstellen: „I was born to do this, I could live on this train!“ 

Ihre Reisebekanntschaft Patricia Dodgson, stilecht im 20er-Jahre-Outfit mit bodenlangem Kleid und Federschmuck in den Haaren, hört gar nicht mehr auf zu schwärmen von dem Service, dem Vier-Gänge-Menü, dem Klavierspieler, der Atmosphäre: „Dieser Zug ist einfach der beste!“ 

Der gemütlichste könnte er außerdem sein. Nachdem wir die Dolomiten, Innsbruck und den Zürichsee hinter uns gelassen haben, kehren wir in unsere Kabine zurück. Marco hat die schmalen Betten heruntergeklappt, die Nachttischlampen angeknipst, die Pantoffeln bereitgestellt und die Kissen aufgeschüttelt. Kurz darauf klopft er leise an die Kabinentür. Ob wir noch etwas wünschen? Nein, da fällt uns beim besten Willen nichts ein. Außer vielleicht, dass wir gerne noch länger mitfahren würden. 

Denn bereits am nächsten Tag wird diese besondere Reise für uns in London ihr Ende finden. Bis dahin sind wir noch Könige. Wenn auch nur für diese eine Nacht.

Susanne Layh

Nächster Halt Berlin
Anfang Juni 2016 hält der Venice Simplon Orient Express zum ersten Mal in seiner Geschichte in Berlin. Am 2. Juni geht es von London aus über Paris in die deutsche Hauptstadt, am 4. Juni wieder zurück. Der Reisepreis beträgt knapp 3.000 Euro pro Person für die komplette Strecke, wer ab/bis Paris fährt, zahlt etwa 2.500 Euro.
Der Betreiber Belmond mit Hauptsitz in London arbeitet gerne mit engagierten Reiseagenturen zusammen, die Provision beträgt zehn Prozent. Zum Unternehmen gehören neben dem Venice Simplon Orient Express unter anderem auch die historischen Luxuszüge British Pullman, Royal Scotsman und der Eastern & Oriental Express, weiterhin die Hotels Belmond Cipriani in Venedig und das Mount Nelson in Kapstadt.
Informationen: www.belmond.com/venice-simplon-orient-express  

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