Spanien

Barcelona: Neue Perspektiven

Die Promenade La Rambla gehört zu jeder Barcelona-Führung, auch zu der von Juan Conejero.

Die Promenade La Rambla gehört zu jeder Barcelona-Führung, auch zu der von Juan Conejero. Foto: wos

Ehemalige Obdachlose bieten Führungen für Touristen an

Es ist eine Begegnung zweier Welten: Urlauber, die an Bord der Mein Schiff 5 durch das westliche Mittelmeer kreuzen, tauchen für zwei, drei Stunden ein in die Welt der Obdachlosen. „Barcelona mit anderen Augen sehen“ heißt dieser ungewöhnliche Landausflug, für den sich 16 der rund 2.600 Passagiere entschieden haben. In den letzten Tagen haben sie die schönen Seiten von Rom, Florenz und Monaco kennengelernt. Nun fahren sie mit dem Bus vom Hafen Barcelonas zur Placa de Catalunya, vorbei am Alten Hafen und dem Columbus-Monument.

Treffpunkt Kathedrale
Juan Conejero wartet bereits neben der Kathedrale, in der Hand ein Schild mit der Nummer 20, rund und hellblau wie bei allen TUI-Cruises-Land‧ausflügen. Der 54-Jährige überrascht mit leicht schwäbischem Akzent. Er sei zwar gebürtiger Spanier, sagt Juan, aber in Pforzheim aufgewachsen. Über drei Jahrzehnte hat er in Deutschland gelebt. Seit 2002 ist er in Barcelona.

Und Juan kann erzählen. Aus dem Leben eines Obdachlosen. Und aus der Geschichte dieser Stadt. Seine Führung beginnt bei der Kathedrale – kein Zufall, denn bereits in früheren Jahrhunderten trafen sich hier die Armen der Stadt. Die Straßen rund um die Kathedrale und im Gotischen Viertel waren über Jahre auch die Heimat von Juan. Geschlafen hat er zum Beispiel auf einer Treppe am Placa del Rei, einem Platz, der zwar mitten in Barcelona liegt, aber doch so versteckt, dass ihn fast nur Ortskundige finden.

Auch der Placa de Sant Felip Neri ist so ein Platz. „Antoni Gaudí war oft hier“, sagt Juan. Neben dem Nachtlager der Obdachlosen eröffnete vor Jahren ein exklusives Hotel. Anfangs schaute der Direktor bei ihnen vorbei, erzählt Juan. Und die Kellner brachten belegte Brötchen. Bis der Andrang zu groß wurde.

Wie viele Obdachlose es in Barcelona gibt? Knapp 5.000 haben die Statistiker im vergangenen Jahr gezählt, sagt Juan. „Aber es sind mehr.“

Durch schmale Gassen führt Juan die Gruppe durch das ehemalige Judenviertel und zum Placa San Jaume: auf der einen Seite das Rathaus von Barcelona, auf der anderen der Sitz der katalanischen Regierung. Zwischendurch erzählt er seine Geschichte. Von seiner Drogenkarriere, seiner Haftzeit, seiner Ausweisung aus Deutschland, seinem Alltag auf der Straße.

Aber auch von Wolfgang Striebinger. Der ehemalige Pastor ist Gründer einer kleinen Suppenküche. Dort arbeitete Juan als Freiwilliger. Eines Tages schaute Lisa Grace herein, die Gründerin von Hidden City Tours (www.hiddencitytours.com). Sie suchte Leute, die Touristen vom Leben auf der Straße erzählen können. Ähnliche Angebote gab es bereits in London, Berlin und Hamburg. Aber noch nicht in Barcelona.

Die letzte Chance
Juan zögerte – und machte dann doch mit. Vier Wochen lang hat er sich in die Geschichte der Stadt eingelesen. „Heute kann ich nicht mehr aufhören.“

Natürlich führt Juan seine Gruppe auch über die Rambla. Eine der Seitenstraßen, die Carrer dels Escudellers, war früher Hauptumschlagplatz für harte Drogen. Juan krempelt seine Hose hoch. Das Bein ist blau: „Falsch gedrückt. Ich hatte einen Fuß wie ein Elefant.“ Die Ärzte sagten: Entweder, er hört auf, oder sie nehmen ihm den Fuß ab. Juan hat sich entschieden. Er begleitet seine TUI-Cruises-Gruppe noch zum Bus. Der Fahrer ist schon ungeduldig. Es hat mal wieder länger gedauert als geplant.
Wolfgang Stelljes
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