Spanien

La Gomera: Pfiffiges Erbe

Vom Mirador de Abrante kann man an klaren Tagen bis Teneriffa schauen

Vom Mirador de Abrante kann man an klaren Tagen bis Teneriffa schauen

Nebelwälder und pfeifende Schüler überraschen die Besucher auf Spaniens zweitkleinster Insel

Aday (links) und sein Freund Manuel versuchen sich im Silbo

Aday (links) und sein Freund Manuel versuchen sich im Silbo. Fotos: mw

Am Mirador de Abrante im Nordosten von La Gomera schweben gerade Besucher auf einem gläsernen Steg Hunderte Meter über dem Abgrund. Doch sie haben nach einem Foto fast nur Augen für Oskar Nieblo.
Denn wann steckt sich ein erwachsener Mann schon mal einen Finger in den Mund und fängt an zu pfeifen? Oscar macht das seit Jahren. Mit einem Freund kommuniziert er im Silbo, der inseleigenen Pfeifsprache. El Silbo heißt übersetzt „der Pfiff“.

Aber Oscar pfeift nicht wie ein Fußballtrainer, sondern melodiös. „Mit Wechseln in der Tonhöhe und der Lautstärke kann man die Vokale a, e, i und o pfeifen und außerdem die Konsonanten ch, k, y und g. Das reicht, um jede Sprache der Welt zu übersetzen“, erklärt er, der die Sprache von seinem Vater gelernt hat.

Silbo ist eine uralte Form der Kommunikation. Ihre Ursprünge liegen wohl auf den Gipfeln des Hohen Atlas in Marokko. Von dort dürften ausgewanderte Berber sie mitgebracht haben.

Dass der Silbo sich auf Gomera erhalten hat, ist indes kein Wunder. Rund wie eine Schichttorte ragt die Insel bis zu 1.487 Meter hoch. Von der Mitte her teilen sieben tiefe  und 52 Nebentäler Gomera in Kuchenstücke. Die Bergspitzen in der Mitte sind spitz wie Reißzähne und tauchen den umgebenden Lorbeer- und Baumheide-Wald regelmäßig in kondensierenden dichten Nebel. So unzugänglich sind manche Stellen, dass die bis über einen Meter lang werdende Gomera-Rieseneidechse bis zum Jahr 1999 unentdeckt blieb. Heute werden die Tiere gleich neben dem FKK-Strand im Valle Grand Rey gezüchtet.

Was die schroffe Insel für Gäste nun zum beliebten Wanderparadies macht, war in der Vergangenheit reichlich unpraktisch. Erst der Silbo machte es möglich, hier Nachrichten schnell zu verbreiten. Dabei gilt die Pfeifsprache Gomeras als derart einzigartig, dass die Unesco sie schon 1982 zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt hat. Gerettet ist die Sprache aber damit nicht, im Alltag wird nur selten gepfiffen. „Vor einigen Jahren war es so weit, dass die letzten Sprecher sich bezahlen ließen, wenn sie den Silbo demonstrierten“, berichtet Melanie Ebock, die seit 15 Jahren Gäste über die Insel führt.

Diese Zeit ist vorbei. Heute sind es vor allem die ganz Jungen, die auf Gomera pfeifen. Das liegt an Männern wie Kico Correa. Seit 20 Jahren bringt der Lehrer mit zwei Kollegen den Inselkindern die Technik bei. Seit 1999 ist Silbo auf Beschluss der Inselregierung ein ordentliches Unterrichtsfach.

Bei Correas Schülern hört sich das ganz unterschiedlich an. Laura verknotet die Finger im Mund, formt mit der anderen Hand einen Schalltrichter und flötet mühelos ganze Sätze in den Klassenraum.

Schwierig sei das Verstehen, erklärt sie. Schließlich hat nicht jeder eine so klare Artikulation wie der Lehrer. Aday andererseits pfeift auch noch nach fast sechs Jahren Unterricht irgendwie auf dem letzten Loch.

Obwohl in Berlin geboren, muss der Deutsche wie die anderen 1.400 Inselkinder am Unterricht teilnehmen. „Immerhin gibt es da keine Klassenarbeiten“, sagt er – „nur mündliche Noten.“

Martin Wein

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