Irland

Im verlorenen Tal

Der Silver Strand im Lost Valley ist stets menschenleer

In einem abgelegenen Tal im County Mayo zeigt Schaffarmer Gerard Bourke, wie seine Familie noch bis in die 1960er Jahre ohne Strom und Straße lebte. Bei Trip-Advisor bekommt er Bestnoten.

Gerard Bourke zeigt Besuchern sein Elternhaus im Lost Valley

500 Schafe leben auf Bourkes Farm, einige folgen ihm wie Hunde. Fotos: mw

Galway und die Cliffs of Moher können sich vor Touristen kaum retten. Im Nachbar-County Mayo sieht es aber anders aus. Hier, wo Heinrich Böll in einem weißen Cottage auf Achill Island in den 1950er Jahren sein Irisches Tagebuch schrieb, kommt nur jeder zehnte Besucher vorbei.

Dabei bietet Mayo lange, unverbaute Buchten, Inseln mit schroffen Klippen, weiße Leuchttürme, das hübsche Westport mit dem Botox-Werk und den Aufstieg auf Irlands heiligen Berg Croagh Patrick. Die Einsamkeit indessen muss man mögen. Das County ist sechsmal so groß wie Berlin. Dabei leben auf der „Ebene der Eiben“, so der gälische Name, nur zwei Prozent der Einwohner der Bundeshauptstadt.

Erinnerung an die Hungersnot
Gerard Bourke wohnt mit seiner Frau Maureen besonders abgeschieden. Wer zu dem Schaffarmer möchte, der muss ihn erst mal finden. Die Fahrt zu seinem Hof führt über Westport und Louisburgh auf derart kurvige kleine Sträßchen, dass Google Maps sie nur bei maximalem Zoom überhaupt anzeigt.

Am Rand des Wegs liegt ein Schiff aus Bronze, bemannt mit ausgezehrten Gestalten in Erinnerung an die Große Hungersnot von 1845, die Irlands Westküste entvölkert zurückließ. Hunderttausende verzweifelte Iren hatten sich damals in die Neue Welt verschiffen lassen, nachdem die Kartoffelfäule und mangelnde Hilfe der britischen Großgrundbesitzer viele Todesopfer gefordert hatten. Aus einer dicht besiedelten Kulturlandschaft am äußersten Rand Europas wurde eine Ödnis.

500 Schafe, keine Kühe
Nur Bourkes Ururgroßvater kehrte nach der Katastrophe zurück – als Schäfer im Auftrag des Großgrundbesitzers. Am Ende der asphaltierten Welt wartet heute der Ururenkel mit den Lämmern Benjamin (schwarz) und Oreo (schwarz-weiß) auf Besucher. Im Lost Valley zeigt er auf dreistündigen Spaziergängen, wie seine Familie noch in den 70er Jahren hier lebte. Bei Trip-Advisor bekommt er dafür Bestnoten. Seine 16 Kühe und den Bullen hat er dafür 2017 verkauft. Die 500 Schafe hat er behalten. Benjamin und Oreo bleiben Bourke bei seinen Touren stets auf den Fersen. „Sie halten sich für Hunde. Darum kommen sie immer mit“, sagt der 61-Jährige.

Immer menschenleer
Mit seinen Gästen wandert Bourke über einen Hügel ins verlassene Tal. Der Blick fällt auf den karibisch anmutenden Silver Strand. Der Sandstrand ist nur vom Meer aus erreichbar und deshalb immer menschenleer. Draußen auf dem Meer liegt die Silhouette von Clare Island, wo im 16. Jahrhundert die wohl berühmteste Piratin der Geschichte namens Grace O’Malley die Burg ihres verblichenen Gatten mit Klauen und Zähnen gegen die Engländer verteidigte und anschließend einen Freibeuter-Kleinstaat etablierte. Windschiefe Krüppelweiden, Eichen und rosa Orchideen im hohen Gras teilen sich den bescheidenen Platz zwischen den Feldsteinen. Sie wachsen auch in den Ruinen der Zwei-Raum-Katen rings um einen Wasserfall, in denen einst Hunderte Menschen von der Schaf- und Schweinezucht recht einträglich lebten.

Fünf Meilen zum nächsten Pub
In seinem Geburtshaus aus grauen Feldsteinen mitten im Tal hat nun Bourkes Frau Maureen Thermoskannen mit heißem Kaffee und Tee abgestellt. Ein künstliches Feuer flackert im Kamin. In Wirklichkeit heizen die meisten Farmer der Gegend noch bis heute mit handgestochenem Torf.

„Für einen 16-Jährigen war das hier kein Vergnügen – fünf Meilen Fußweg entfernt vom nächsten Pub“, berichtet der Hausherr. Ein Stromanschluss wurde erst 1964 gelegt. Die Straße bis zum Taleingang gibt es seit 1989. Bourke hat sie selbst bis zu seinem neuen Wohnhaus planiert. Die Zeit bis zum Pub habe sich damit entscheidend verkürzt, lacht Bourke. Und dass ein Polizist ihn auf dem Rückweg zum Alkoholtest an den Rand der einspurigen Straße winkt, kann wohl getrost als ausgeschlossen gelten.

Martin Wein

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