USA

Florida: Im Reich der Seekühe

Grüne Oase: am Quellteich der Three Sisters in Crystal River

An der Golfküste hat sich der Bestand der Manatees erholt

Gutmütig und neugierig: Rund 9.000 Manatees leben heute wieder vor den Küsten Floridas. Fotos: mw

Der Morgen ist noch jung und erfreulich frisch, als Anthony an Pete’s Pier im Küstenort Crystal River nun den Außenborder an seinem Motorboot in Gang setzt. Doch der Skipper, der jahrelang als Fischer vor der Golfküste Floridas unterwegs war, strebt keineswegs aufs offene Meer. Sein Ziel liegt nur wenige Hundert Meter entfernt mitten im Hillsborough River.

Dort, wo der Fluss in einem Gewirr kleiner Ströme und Mangroveninseln in die Kings Bay mündet, sind die auffälligsten Bewohner schon mit dem Frühstück beschäftigt. Anthony stellt den Motor ab, legt den Finger an den Mund und setzt dann die rot-‧weiße Taucherflagge. Nur ein paar Möwen kreischen. Die Wochenendhäuser am Ufer liegen noch im Dämmerschlaf.

8.800 gutmütige Säuger in Florida

Mit Neopren-Anzug, Schnorchel und Schwimmnudel schickt der Captain die Gäste ins Flachwasser. Dort gilt es, mit den Füßen möglichst kein Sediment aufzuwirbeln. Sonst könnte man glatt übersehen, dass direkt vor einem ein vier Meter langer hellgrauer Kegel unverdrossen Seegras mampft.

Crystal River nennt sich „Manatee Capital of the World“ – Hauptstadt der Seekühe. 8.800 dieser friedlichen Säuger leben heute wieder vor den Küsten Floridas, 700 bis 800 von ihnen in der Kings Bay. Nur hier können Touristen mit ihnen schwimmen gehen. Neugierig kommen die kurzsichtigen Tiere mit der auffälligen Schnauze den vielen Besuchern näher. Manchmal kommt es sogar zum flüchtigen Körperkontakt.
Insgesamt verhalten sich die Seekühe ganz ähnlich wie die Elefanten, ihre nächsten lebenden Verwandten. Trotzdem achtet Anthony darauf, dass man den Karibik-Manatees, so der korrekte Name, nicht auf die Pelle rückt. „Das ist schließlich ihr Zuhause. Wir sind hier nur Gäste“, sagt er und stellt für die Schwimmer Kaffee bereit.

Von 200.000 auf über eine Million hat sich die Zahl der Boote in Florida in den letzten vier Jahrzehnten verfünffacht. „Im gleichen Zeitraum hat sich der Manatee-Bestand verzehnfacht“, sagt die Wildbiologin Joyce Palmer. Zwar würden immer wieder Tiere von Schiffsmotoren verletzt oder getötet. Insgesamt aber schade der Öko-Tourismus der Population nicht.

Crystal River ist eine eigene Welt

Dazu tragen neben klaren Verhaltensregeln die Schutzzonen bei, die Palmer und ihre Kollegen vom US Fish & Wildlife Service in den kühlen Wintermonaten in der Kings Bay ausweisen. Rund um die warmen Süßwasserquellen, an denen sich dann Hunderte Tiere aufwärmen, sind Boote und auch Schwimmer verboten.

Von Frühjahr bis Herbst, wenn nur ein kleiner Teil der Tiere im Fluss bleibt, können auch die Gäste Juwelen wie die Three Sisters besuchen. Durch einen schmalen Kanal schwimmt oder paddelt man mit dem Glasbodenkanu in den Trichter der drei Karstquellen hinein. Von Palmen, Hibiskusbüschen und Lianen umwuchert, bilden sie einen natürlichen Pool von wahrhaft unnatürlichem Blau. Kein Themenpark-Ausstatter in der 90 Autominuten entfernten Vergnügungshochburg Orlando bekäme das besser hin.

Martin Wein

Kommentar schreiben