Kanada

Nova Scotia: Emily lässt gruseln

In der einsamen Landschaft Nova Scotias gibt es vor allem im Zwielicht viele Gelegenheiten für unheimliche Momente

In der einsamen Landschaft Nova Scotias gibt es vor allem im Zwielicht viele Gelegenheiten für unheimliche Momente

In der Provinz spukt es – vielleicht. Doch an den übersinnlichen Mitbewohnern scheiden sich die Geister. Die Frage ist: Sind Gespenster gut fürs Geschäft?

Im Garrisonhouse Inn soll die kleine Emily herumspuken

Im Garrisonhouse Inn soll die kleine Emily herumspuken

Alan Melonson zeigt Mutigen nachts den Alten Friedhof von Fort Anne in Annapolis Royal

Alan Melonson zeigt Mutigen nachts den Alten Friedhof von Fort Anne in Annapolis Royal. Fotos: mw

Die Ruinen von Fort Anne in Annapolis Royal erinnern nun an die 13 blutigen Schlachten, die sich Franzosen und Briten im 17. Jahrhundert um den Hafen lieferten. Unter englischem Rasen liegen 2.300 Tote auf dem Friedhof daneben. „Aber es gibt nur noch 234 Grabsteine“, sagt der Lokalhistoriker Alan Melanson. Wenn es dunkel wird, zeigt er im Kerzenlicht beflügelte Totenschädel und grinsende Skelette auf den verwitterten Steinen.

Auf der anderen Straßenseite wurde 1710 in der Lukaskirche der erste anglikanische Gottesdienst in Nordamerika gefeiert. Ihr Glaube hat den Bewohnern der kanadischen Provinz Nova Scotia allerdings nicht ausgereicht, all das zu erklären, was um sie herum geschah. Und noch immer geschieht.

Ist da jemand?

Im Haus Nr. 350 gleich neben der Kirche betreibt Patrick Redgrave ein Familienhotel mit sieben Zimmern. Er ist überzeugt, dass noch jemand anderes unter seinem Dach wohnt. Ein blasses Mädchen in grauem Kleid sei Gästen erschienen. Immer im gleichen Zimmer.

Vor Jahren ließ Redgrave ein Medium kommen. Es sei schwierig gewesen, mit einer jungen Frau aus einer anderen Zeit zu sprechen. Immerhin erfuhr er ihren Namen: Emily. Im 19. Jahrhundert sei sie an Tuberkulose verstorben.

Wir buchen Emilys Zimmer, schleppen den Koffer über knarzende Holztreppen bis unters Dach. Als das Licht verlöscht, heißt es abwarten.

Geistergeschichten sind in Nova Scotia allgegenwärtig. Einsame Buchten, Strände und Leuchttürme an der Küste sowie dichte Wälder im Innern prägen die Landschaft. Die Winter sind lang und neblig. Gute Voraussetzungen für unheimliche Momente.

Plötzlich klappert das Geschirr

Auch wenn natürlich nicht jeder daran glaubt, werden entsprechende Berichte kaum kritisch hinterfragt. Wen müsse es etwa wundern, heißt es in der Hauptstadt Halifax, wenn das Restaurant „Five Fishermen“ nicht nur für seine Seafood Chowder berühmt ist. Immerhin war der Bau früher ein Bestattungsinstitut.

Mehr als 200 geborgene Leichen der „Titanic“ wurden hier 1912 aufgebahrt. Kellner erzählen von klapperndem Geschirr und unerwartet umfallenden Gläsern.

Nicht immer seien die Ursachen so leicht zu finden, betont Bruce Simpson. Mit seiner Frau Charlene untersucht der 51-Jährige paranormale Phänomene. Sie wollten keine Freakshow, sondern den verängstigten Leuten helfen. An der Existenz von Geistern hat Simpson keinerlei Zweifel. Grund zum Fürchten gebe es indessen kaum. Die meisten Geister wollten nur mit ihrem Anliegen Gehör finden, glaubt er. „Je länger man sie ignoriert, desto stärker machen sie auf sich aufmerksam.“

Der Geist der Katze

Michael Laceby sieht das anders. Er betreibt seit 1988 im prachtvollen Haus eines verstorbenen Reeders das Blomidon Inn in der Universitätsstadt Wolfville. Von Gespenstern ist Laceby wohl nicht begeistert. „Viele Menschen haben Präsenzen gespürt“, spottet er. Eine Frau wollte sogar den Geist einer Katze gesehen haben.

Aber solches Gerede sei schlecht fürs Geschäft. Vor allem Frauen bekämen Angst und wollten das Spukzimmer nicht nehmen. „Ich betreibe ein Romantik-Hotel!“ Das Angebot einer Produktionsfirma aus Hollywood, hier einen Horrorfilm zu drehen, lehnte er ab.

Im Garrisonhouse Inn bleibt die Nacht ruhig. Kein blasses Mädchen in grauem Kleid zeigt sich in Zimmer 5. In der Vergangenheit habe die Kleine sich stets nur Frauen offenbart, hatte Besitzer Patrick Redgrave schon abends vorher erklärt. Wo sie wohnt, verrät er nur den Mutigen – oder erst am nächsten Morgen.

Martin Wein

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