Tunesien

Auf der Spur des Patienten

Fundgrube für Geologen: Schichtgestein am Großen Wadi von Mides

Bergoasen-Wanderung von Tamerza nach Mides

Blick auf Tunesiens größten Canyon. Hier wurde „Der englische Patient“ gedreht.

Mohamed lädt zum Besichtigen der Ruinen des alten Mides ein.

Kolokont: Was aussieht, wie eine Mini-Melone, ist giftig, eignet sich aber geröstet als Augenheilmittel. Fotos: cb

Tunesiens Bergoasen an der algerischen Grenze sind ganz anders als die größeren Oasenstädte Tozeur und Nefta mit deren Lehmziegel-Architektur und ausgebauter touristischer Infrastruktur. Die Dörfer präsentieren sich einsam inmitten ockerfarbener Berge und überraschen mit Wasserfällen, Canyons und verfallenen Medinas, deren aus Lehm gestampfte Dächer starke Regenfälle einstürzen ließen. Mit Wanderführer Mohamed machen wir uns auf den Weg durch die scheinbar karge Landschaft von Tamerza nach Mides.

Der Tag beginnt im Hotel Tamerza Palace, dessen Balkons und Pool-Terrasse nur das Wadi vom 1969 verlassenen alten Tamerza trennt. Zwei Marabouts, die an bedeutende islamische Persönlichkeiten erinnern, stechen weiß zwischen den Ruinen hervor. Das Ambiente wird vom Hotel für illuminierte Abendveranstaltungen genutzt.

Mohamed führt uns zur Polizeiwache im neuen Tamerza, wo er unsere Wanderung zur Bergoase Mides anmeldet. Vorbei am von Tierpferchen umgebenen Wellblechheim einer Nomadenfamilie geht es bergan. Wir folgen einer großen Herde aus Schafen und Ziegen, die den Hang mit weißen und schwarzen Tupfen versehen. Mohamed, studierter Geologe und lizenzierter Führer, erklärt uns schwarze Zacken am Berghang gegenüber als Magnesiumspuren.

Das nächste Tal liege bereits in Algerien. Was nach kurzem Abstieg wie karger Bewuchs aussieht, steckt voller Kräuter und Heilpflanzen. Gelbe Honigblüten wachsen neben aromatischem Bergthymian. Was wir für Mini-Melonen gehalten hätten, nennt Mohamed Kolokont. Der sei giftig, werde nur von Dromedaren und Eseln gefressen, diene nach Rösten im Feuer jedoch als Augenheilmittel.

Mohamed zeigt auf versteinerte Baumstämme und Feuersteine sowie die Schwarznessel Ballota. Ein Tropfen aus deren Blättern genüge, um Ziegenmilch in Käse zu verwandeln. Auch Halfagras, das zum Mattenflechten wie für die Papierproduktion genutzt wird, wächst am Wegesrand.

Die Zeit bis ins Große Wadi von Mides, das nach Ebbe im Wattenmeer aussieht, verfliegt. An seinen Rändern ist Schichtgestein dramatisch aufgefaltet. Beim Abbiegen ins Kleine Wadi deutet Mohamed auf eine Felswand aus fossilen Austern. Es folgt eine Schakalspur im feinen Wadisand.

Noch ein Aufstieg und wir blicken in Tunesiens größten Canyon, der zwölf Kilometer lang und bis 80 Meter tief auf Mides zuführt. Dort ist "Der englische Patient" gedreht worden, dramatische "Star Wars"-Flugszenen wurden in Canyon-Bilder hinein animiert. Meist treten Filmcrews als Dokumentarfilmer auf, verrät Mohamed. Bernardo Bertulucci habe in Mides seinen "Himmel über der Wüste", Jean-Jacques Annaud den Streifen "Schwarzes Gold" gedreht.

Grün leuchtet der Palmenhain der Bergoase. Das neue 500-Einwohner-Dorf mit Grenzerkaserne liegt an der einen Seite, das alte am Rand des Canyons. Die Römer haben Mides 143 nach Christus als Grenzfestung errichtet. Davon zeugen antike Elemente in einigen Gebäuden, deren Decken ebenfalls der Regen von 1969 weggewaschen hat. Neben Getränken werden im Ortszentrum Wüstenrosen, Mineralien und Fossilien offeriert. Den Schlusspunkt setzt die "Titanic von Mides", ein wie ein Schiffsrumpf geformter Felsen am Canyon.
Christian Boergen

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