Tunesien

Farbe, Licht und süße Düfte

Enge Gassen, schöne Läden und Cafés: Der Künstlerort Sidi Bou Said bei Tunis ist ein Magnet für Touristen.

Wie die Maler des Expressionismus Tunesiens Motivvielfalt entdeckten

Die Sidi-Oqba-Moschee in Kairouan, wie August Macke sie vor 100 Jahren festhielt.

Die Sidi-Oqba-Moschee in der Realität. Fotos: gsg

100 Jahre ist es her, da machen sich drei junge Expressionisten auf, um den Orient zu entdecken. Am 14. April 1914 verlässt die Carthage den Hafen von Marseille. Auf der Passagierliste der Fähre auf dem Kurs nach Tunis sind die Namen Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet vermerkt. Die Maler sind auf Studienreise in den Orient.

Erste Eindrücke in der Medina von Tunis am nächsten Tag: Die Hitze, die Farben, die intensive Helligkeit. Das bunte Treiben in den Souks beeindruckt. Verschleierte Frauen, Kamele und die Basare mit einem Duftgemisch aus Minze, Weihrauch und Amber betört das Künstlertrio. In seinem Tagebuch notiert der 34-jährige Klee: „Wir wissen, dass wir hier gut arbeiten werden. Die Sonne ist von finsterer Kraft, die farbige Klarheit verheißungsvoll.“

Im Haus des Schweizer Arztes Ernst Jäggi, ein Freund Mouilliets, finden sie Aufnahme. Macke zieht das Grand Hotel de France in der Rue Mustapha M’Barek vor. Den Jugendstilbau aus der französischen Kolonialzeit gibt es immer noch, wenn auch ein wenig verblasst.

Die Maler saugen auf ihren Expeditionen neugierig alles auf, was die Lagunenstadt zu bieten hat. Besonders die quirligen Gassen und mächtigen Moscheen mit ihren Minaretten und weißen Kuppeln lassen Macke sofort zu Pinsel und Leinwand greifen. „Ich bin in einer Arbeitsfreude, wie ich sie noch nie gekannt habe“, vertraut er seinen Freunden an.

Auch Moilliet und Klee sind voller Schaffenswut. In St. Germain, einem Villenvorort von Tunis, besitzt Jäggi ein Anwesen direkt am Meer. Hier entstehen etliche Skizzen und Aquarelle, die das intensive Licht, die orientalische Architektur und den arabischen Alltag dokumentieren.

Das Städtchen Sidi Bou Said hoch oben über dem Golf von Tunis lässt die drei jungen Maler vollends entzücken. Seine gepflasterten Gassen schlängeln sich vorbei an weiß gekalkten Häusern. Deren Türen, Fensterläden und Balkone erstrahlen – damals wie heute – in satten Blautönen.

„Die Leibhaftigkeit eines Märchens“, schreibt Klee, „ein Bergrücken, auf dem streng rhythmisch weiße Formen wachsen.“ Das Café des Nattes (Spezialität: Minztee mit Pinienkernen), dem Macke in seinem Aquarell „Blick auf eine Moschee“ ein Denkmal setzt, ist heute noch an Ort und Stelle.

Die Maler machen auch Station in Kairouan. Für Klee ist die Stadt der 100 Kuppeln, Moscheen und Teppichkunst ein „Extrakt aus Tausendundeiner Nacht“. Bevor sie zur heiligen Stadt wird, gilt Kairouan als erste Metropole des islamischen Maghreb und eine der größten Städte am Mittelmeer. Ihr Markenzeichen: Die Sidi-Oqba-Moschee, eine der ältesten der Welt. Ihr Minarett ähnelt einem Leuchtturm, umgeben von einem großen Arkadenhof und weißen Kuppelbauten. Bauwerke, die Heiligen und Geistlichen gewidmet sind.

Sie sind nicht zuletzt Motivinspiration für Klees Aquarellarbeit „Ansichten von Kairouan 1914“. Die Kunst des Teppichknüpfens, die in der Medina von Kairouan ebenfalls Tradition hat, würdigt eine Ausstellung im Jubiläumsjahr. Sie erinnert mit außergewöhnlichen Webereiexponaten an die Tunis-Reise der jungen Expressionisten vor 100 Jahren.
Günter von Saint-George

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