Kapverden

Der Gouverneur und die Frauen

Wenn die Fischer zurück sind, übernehmen die Kinder den Strand von Ponta do Sol.

Die Kapverdeninsel Santo Antao ist ein Paradies für Wanderer und Liebhaber schöner Geschichten

Für Wanderer ein Traum, für die Bergbauern harte Arbeit: die zerklüftete Berglandschaft von Santo Antao.

Mal drei Häuser, mal fünf, mal zehn: auf der Wanderung stößt man immer wieder auf winzige Dörfchen.

Reisen verbindet bekanntlich, auch diese beiden Kameraden. Fotos: sl

Einst lebten im kleinen Bergdorf Fontainhas zwei Schwestern. Sie waren Nachfahren europäischer Piraten, sie hatten grüne Augen und sie waren schön. Das fand auch der Gouverneur der nahegelegenen Stadt Ponta do Sol, der erst der einen Schwester, dann der anderen und manchmal auch beiden zugleich seine Aufwartung machte.

Doch der Weg nach Fontainhas war beschwerlich, und so ließ der Gouverneur kurzerhand eine Straße in die zerklüfteten Felsen am nördlichsten Zipfel der Kapverdeninsel Santo Antao bauen.

Auf ebendieser stehen wir jetzt und schauen über eine tiefe Schlucht hinüber nach Fontainhas. Das Dorf macht auch heute, selbst ohne grünäugige Schönheiten, noch einiges her. Wie bunte Würfel thronen die Häuschen über halsbrecherisch steil anmutenden Gemüseterrassen, darunter fallen rotbraune Felsen ins tobende Meer ab.

Ganz nach Fontainhas werden wir es nicht mehr schaffen, unsere Füße dampfen schon nach einer mehrstündigen Wanderung hinab durch das üppig bewachsene Tal Cha de Pedra. Lieber nehmen wir noch einen Schluck aus der „Quelle der 100-Jährigen“ – eben jenes Alter verspricht das kühle Wasser des Rinnsals am Wegesrand.

Dass Santo Antao die grünste der Kapverdeninseln ist, macht einen bei der Anfahrt per Fähre vom benachbarten Eiland Sao Vicente stutzig. Denn alles, was über dem völlig unspektakulären Hafenstädtchen Porto Novo zu sehen ist, ist eine große, braungraue Wand. Und da soll was wachsen? Ja, da wächst was, allerdings erst auf der Rückseite des Berges. Diesen quält sich unser Minibus über eine aus Basalt gehauene Straße mit exakt 100 Kurven hinauf.

Und siehe da: Kaum haben wir den höchsten Punkt überschritten, blicken wir hinunter in einen Talkessel, in dem Mangos, Zuckerrohr, Bananen, Mais, Süßkartoffeln, Quitten, Wassermelonen und vieles mehr gedeihen. Hier wabert fast permanent eine dunstige Wolke umher, der Grund für den Wasserreichtum dieses Tals.

Auf alten Eselspfaden, die immer noch rege für den Obst- und Gemüsetransport auf zwei oder vier Beinen genutzt werden, steigen wir in der Mittagshitze hinab ins Tal und bestaunen den Wechsel aus bizarren Felsformationen, angelegten Gärten, wilder Natur und winzigen Siedlungen, die nur aus einer Handvoll Häuser bestehen.

In einem dieser Dörfchen sitzt Rodriguez auf einer Mauer und freut sich über Gesellschaft. Mehrere Jahrzehnte lang war er auf Frachtschiffen in der ganzen Welt unterwegs. Wo es denn am schönsten war? „Wenn man nett zu den Menschen ist, sind sie auch nett zu einem“, sagt der weise Mann. „Dann ist es überall schön.“ So nett es auch ist, mit Rodriguez zu plaudern, wir müssen weiter. Die Sonne wird abends recht abrupt vom Meer verschluckt und bis dahin haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Am Abend sitzen wir in einem kleinen Café direkt über dem Strand von Ponta do Sol. Unten toben Jugendliche mit Gummireifen im Wasser, oben rumpeln die letzten Transporter über die Straße des Gouverneurs.

Wie die Geschichte mit seinen beiden Geliebten ausging? Tja, nicht so gut. Eine der Schwestern war das erste Todesopfer auf der neu erbauten Straße. An der Quelle der 100-Jährigen war sie wohl leider ohne zu trinken vorbeigegangen.
Susanne Layh

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