Sansibar

Stone Town: Steinstadt mit Wunderhaus

Seit dem Jahr 2000 steht Stone Town als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco

Die Stadt gehört zu den beeindruckendsten urbanen Sehenswürdigkeiten in Ostafrika

Das House of Wonders war das erste Haus Ostafrikas mit Elektrizität und fließendem Wasser. Fotos: jm

Andernorts wäre es eine Zirkusnummer. Der Junge nimmt einen flachen, scharfkantigen Stein, visiert den nahen Mangobaum an, wirft – und trifft. Der Stein durchschneidet den Stiel einer Mango wie ein scharfes Messer. Schnell springt der Junge unters Geäst – und fängt die Mango sicher auf.
Das so geerntete Obst bietet er dem verdutzten Touristen an. Und weil der Junge seine Treffsicherheit beweisen will, wiederholt er den Mangowurf. Trifft, fängt und sagt: „Eine Mango für dich, eine für mich. Ich heiße Sindbad – wie der Seefahrer.“ Pause. „Darf ich dir meine Stadt zeigen?“

Auf jeden Touristen kommen zehn Stadtführer. Alle haben zwei kranke Schwestern, einen behinderten Vater, einen Bruder, den sie ohne Eltern aufziehen müssen. Egal, wie sich die Geschichten anhören – von denen sicherlich auch einige wahr sind – im Fazit bedeuten sie alle: Ich habe kein Geld, benötige aber dringend welches. Also gibt Sindbad seine Mangovorstellung und stellt sich mit großem Namen vor. Sindbad hört sich besser als Karim an. Denn so heißt der Junge wirklich.
Er legt gleich los, in passablem Englisch, mit klaren Worten. „Stone Town ist wunderschön, doch langsam verrottet hier alles.“ Seit dem Jahr 2000 steht Stone Town als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco, doch die tut wenig. Beim Spaziergang durch das Labyrinth aus schmalen, verwinkelten Gassen im Schatten der eng aneinandergereihten Bauten aus der Zeit des Sultanats spürt man schnell, dass viel zu richten ist.

Lebendiges Museum

Für den Großteil der Besucher ist Stone Town ein lebendiges Museum. Für Sindbad und seine Familie ist es Heimat und Wohnviertel. Trotzdem beherrscht einen die romantische Vorstellung, in die Welt aus Tausendundeiner Nacht einzutauchen. Da kreuzen die Dhaus, wie die traditionellen Segellastschiffe heißen, mit archaischen Segeln in stoischer Ruhe vor der Stone Town.
Da ist der farbenfrohe und lebhafte Darajani- Markt und das House of Wonders. Es erhielt seinen Namen, weil es das erste Haus in Ostafrika war, das über Elektrizität, fließend Wasser und eine Toilette mit Wasserspülung verfügte. Überall sieht man auch die filigran geschnitzten Holztüren und Veranden, die ganze frühere Pracht bringen aber vor allem die Alte Apotheke und das Zollhaus zum Vorschein.

Kein Geld für Instandsetzung

Die Unesco gibt kein Geld. Aber: „Die Leute können sich komplette Renovierungen oder jegliche Art von Instandsetzung, und seien sie noch so geringfügig, gar nicht leisten. Und hätten sie das Geld dazu, würden sie wegziehen: an den Stadtrand, dort, wo neue, moderne Wohnhäuser entstanden sind, die sogar Klimaanlage haben“, sagt Sindbad nüchtern.
Es ist, als würde er dem Besucher die rosarote Romantikbrille ab- und ihm eine präzise Lesebrille aufsetzen. „Verstehe uns bitte nicht falsch“, fügt Sindbad hinzu, „die Leute lieben ihre Stone Town, aber sie hassen die Lebensbedingungen darin.“
Jochen Müssig

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