Do 16.11.17

Ginzan: Wellness mit Zeitreise


Der Kurort Ginzan gehört zu den ganz großen Film-Vorbildern Japans


Ginzan ist ruhig, beschaulich und von der Außenwelt fast abgeschnitten.

Ginzan ist ruhig, beschaulich und von der Außenwelt fast abgeschnitten.

Wer Einblicke in die Tradition Japans erhalten will, ist hier richtig. Fotos: fh

Wer Einblicke in die Tradition Japans erhalten will, ist hier richtig. Fotos: fh

Nach Ginzan kommt man nicht zufällig: Die Straße in den kleinen Kurort im Norden der Hauptinsel Honshu schlängelt sich die Berge hinauf, taucht in dunkle Wälder ab, erlaubt hier und da einen kurzen Blick über endlose Wildnis – und endet überraschend auf einem asphaltierten Parkplatz. Hier wacht ein Rentner mit orangener Fahne zum Einweisen in die Parkposition, fast als gäbe es hier, am Ende der Welt, verkehrstechnisch etwas zu regeln.

Wenige Schritte weiter, drinnen im Ort, ist Schluss mit der Moderne: Autos gibt es in Ginzan genauso wenig wie andere motorisierte Fahrzeuge. Stattdessen schmale Pfade rechts und links des Flusses, gesäumt von Holzhäusern im japanischen Fachwerkstil der 1920er, Holzbrücken, die über das gurgelnde Wasser führen und jede Menge Onsen-Badehäuser. Aus allen Ecken und Ritzen dampft es, was dem Ort einen unwirklichen Hauch verleiht.

Gewollte Isolation
Historisch ist Ginzan allemal ein Schwergewicht: Bereits vor mehr als 400 Jahren sorgte eine Silbermine nicht nur für schnellen Reichtum von Bewohnern und Glücksrittern, sondern prägte auch den Namen „Silberberg“, so die deutsche Übersetzung. Als die Minenarbeiter eine heiße Quelle entdeckten, kam das Wellness-Geschäft ins Rollen – und blieb.

Das Badehaus Kozankaku Onsen (www.kozankaku.com) am nördlichen Ufer etwa wird in der 18. Generation von derselben Familie betrieben. Mit einer Unterbrechung: 1913 verschwand Ginzan für einige Jahre von der Landkarte, als eine Überschwemmung den Ort mit sich riss und die Quelle verschüttete. Doch als zehn Jahre später eine neue heiße Quelle zutage trat, kamen die Bewohner zurück: Modern und pompös sollte der Ort nach damaligen Maßstäben werden, dem Schicksal zum Trotz.

Genau diese Ära wird heute noch lebendig, vor allem wenn die Sonne untergeht und die Gaslampen flackernd erleuchten. Sobald im Winter der Schnee dazukommt, ist der Kitsch perfekt.

Einsam ist es trotzdem – oder gerade deshalb? Wer in Ginzan wohnt, besitzt eine traditionelle Ryokan-Unterkunft oder arbeitet in einer solchen. Alle anderen sind schon lange abgewandert in den Süden, denn selbst die nächste Großstadt Yamagata-Shi liegt 90 Minuten per Bus entfernt.

Aber man muss sich nichts vormachen: Die Isolation ist längst gewollt, der antiquierte Touch höchst willkommen. Genau das lockt die Eingeweihten und Onsen-Kenner nach Ginzan: im heißen Wasser entspannen, in den Wäldern wandern und die Atmosphäre der Vorkriegszeit schnuppern. Szenischer kann man in Japan kaum abtauchen.

Wirklich berühmt wurde Ginzan, das übrigens in den meisten Japan-Reiseführern gar nicht erwähnt wird, jedoch in den 1980ern, denn einige Folgen des TV-Dramas „Oshin“ spielten in Ginzan. Die Serie um das Leben eines Mädchens aus armem Hause wurde nicht nur in Japan ein echter Abräumer (kein Film erhielt jemals wieder so hohe Zuschauerquoten), sondern auch in 68 weiteren Ländern, darunter auch Deutschland, ausgestrahlt.

Späte Filmkarriere
2001 durfte Ginzan dann noch einmal als filmerisches Vorbild herhalten. Der Zeichentrick-Regisseur Hayao Miazaki (hierzulande dank „Heidi“ bekannt), ließ in „Chihiros Reise ins Zauberland“ ein junges Mädchen in einem Onsen arbeiten, dem Notoya Ryokan am südlichen Ende des Ortes.

Logisch, dass vor diesem Gebäude immer wieder mal Anime-Fans in ehrfurchtsvoller Stille erstarren. Vielleicht kommen sie aber auch einfach nur aus dem Onsen: Spätestens nach dem dritten Badegang im heißen Wasser schlägt die Müdigkeit so unerbittlich zu, dass die Energie kaum noch fürs Abendessen reicht, vom Rückweg in die Gegenwart ganz zu schweigen.


Francoise Hauser

 

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