Vietnam

Vietnam: Entdeckung in der Unterwelt

Abseilen in die Unterwelt von Vietnam

Der Nationalpark Phong Nha-Ke Bang in Vietnam bietet die größte Höhle der Welt

Alles eine Frage der Perspektive: kleiner Mann in großer Höhle. Fotos: win

Das Tor zur Unterwelt ist ein Schlund zwischen von Schlingpflanzen überwucherten Felsen. Tran Quangh Anh Vu lässt den Lichtkegel seines Helms in die Tiefe der Höhlen von Hang Va wandern. Der Guide ist mit einer kleinen Gruppe Touristen unterwegs im Nationalpark Phong Nha-Ke Bang an der zentralvietnamesischen Grenze zu Laos.

„Ihr gehört zu den ersten 1.500 Menschen, die sie betreten“, sagt Vu. Maximal zehn Besucher sind auf den Touren des einzigen Spezialveranstalters Oxalis zugelassen. Hang Va wurde erst 2012 entdeckt und ist nur eine von Hunderten unterirdischen Schächten und Höhlen im Park.

Stalagmiten so hoch wie Bürotürme

Sie ist durch Wasserläufe mit der Höhle Son Doong verbunden, der größten bekannten Höhle der Welt. Vu erzählt von Stalagmiten so hoch wie Bürotürme und Höhlengängen, in die man einen Wolkenkratzer stellen kann. In der Tat ist die größte unterirdische Kammer Son Doongs über 200 Meter hoch und mehr als 100 Meter breit. Mit einer Gesamtlänge von neun Kilometern hat die 2009 von britischen Forschern erkundete Höhle damit wohl tatsächlich das größte unterirdische Volumen der Welt.

„Noch immer werden neue Tierarten aufgespürt“, sagt Vu. Der Nationalpark ist eine abgeschiedene Welt, die Forscher staunen lässt. 1992 sorgte die Entdeckung des vietnamesischen Waldrinds für eine zoologische Sensation. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass alle Landsäugetiere dieser Größenordnung bereits wissenschaftlich beschrieben wurden. Auch über andere hier heimische Tierarten wie den Riesenmuntjak ist wenig bekannt.

An Seilen lässt sich die Gruppe ins Dunkel von Hang Va hinab. Unten steht man bis zur Hüfte in einem reißenden Strom. Vorsichtig watet der Höhlenführer voran. Im Licht der Stirnlampe entfaltet sich die fantastische Welt der Tropfsteine – Bärte von längst im Kalkstein versunkenen Riesen, erstarrte Wasserfälle, Fabelwesen aus glänzendem Marmor.

An einem Felsabhang hangeln sich die Teilnehmer hinauf zu einem See. Dahinter reihen sich in von Kalksteinrändern getrennte Terrassen. In den obersten Pools ragen in einer großen Kammer Hunderte gleichförmig gestreckte Tropfsteinkegel aus dem Wasser – eine Ansammlung längst erloschener Zwergenvulkane oder eine Armee verwitterter Terrakottakrieger.

Eine nie gesehene Dunkelheit

„Gewiss gibt es hier bestimmt mehr Tropfsteine, als Menschen, die sie je gesehen haben“, sagt Vu. Er befiehlt der Gruppe die Stirnlampen auszuschalten. Als der schließlich letzte Lichtkegel erlischt, breitet sich minutenlanges Schweigen in der Höhle aus. Vor die offenen Augen tritt eine nie gesehene Dunkelheit.

Die vietnamesische Regierung hat beschlossen, eine Seilbahn hinauf bis fast nach Son Doong zu bauen. Das Vorhaben könnte dafür sorgen, dass statt der 800 Besucher, die die Höhle im Moment pro Jahr besuchen dürfen, die gleiche Anzahl an einem einzigen Tag Zugang erhält. Naturschützer warnen, dass das gigantische Bauprojekt und der Besucheransturm zur Gefahr für das sensible Ökosystem wird.

„Vielleicht kommt ihr mit Euren Kindern zurück nach Hang Va oder Son Doong“, sagt Vu seiner Gruppe zum Abschied. Hoffentlich gehören bis dahin die fantastischen Kreaturen der Unterwelt noch immer der absoluten Finsternis.

Win Schumacher

Infos zur Höhle
Hin kommt man mit Vietnam Airlines über Hanoi, mit Thai Airways über Bangkok oder Singapore Airlines über Singapur nach Dong Hoi. Vom Regionalflughafen ist es noch eine Stunde mit dem Auto bis zum Nationalpark Phong Nha-Ke Bang. Zum Entspannen nach der Höhlenexpedition lädt das The Anam Resort an einen der schönsten Strände in Zentralvietnam ein. Als einziger Spezialist bietet Oxalis verschiedene Höhlen-Expeditionen in Phng Nha-Ke Bang an – siehe www.oxalis.com.vn.

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