Indien

Andamanen: Zwei Welten

Weit abgeschieden vom indischen Festland liegen die Andamanen im Golf von Bengalen. Foto: ePhotocorp / istockphoto

Auf den Andamanen lebt eines der letzten autarken und völlig isolierten Völker dieser Erde. Gleichzeitig hat sich auf den Nachbarinseln ein sichtbares, touristisches Angebot entwickelt

Elefanten gehören zu den Touristenattraktionen des Archipels, ebenso wie die goldgelben Strände. Foto: jm

Auch Weltenbummler und Aussteiger haben mal Lust auf Süßigkeiten. In diesem Kiosk werden sie fündig. Foto: jm

Ein amerikanischer „Missionar“ landet bewusst und verbotenerweise mit der Bibel in der Hand und „Jesus liebt Euch“ auf den Lippen auf Sentinel Island. Auf der zu den Andamanen gehörenden Insel wird der Fremde jedoch als Feind behandelt, von Pfeilen der Einheimischen getroffen und er stirbt. Der Vorfall ereignete sich nicht etwa um das Jahr 1700 herum, sondern dieser Tage.

Auf den Andamanen gibt es tatsächlich noch autarke Stämme außerhalb der Zivilisation, ohne technische Hilfsmittel oder andere moderne Errungenschaften. Von den insgesamt rund 300.000 Andamanen-Einwohnern leben jedoch nur noch etwas mehr als 500 Ureinwohner wie in der Steinzeit.

Gut 50 Kilometer Luftlinie in nordöstlicher Richtung liegen Touristen am Strand oder in der Hängematte, machen Elefantentouren oder besuchen ein Elefantencamp: Havelock Island ist die wichtigste der acht Inseln (von insgesamt 204), auf denen Touristen übernachten dürfen. Die Insel verfügt über ein paar Resorts, dichten Dschungel und schöne Strände: Beach Seven ist der schönste davon, geschwungen wie eine Banane, goldgelber Sand, mit Dschungel als grüner Kulisse dahinter.

Die Strände und Dörfer tragen keine Namen, sondern Nummern – die gleichen, die einst die Holzfällersiedlungen hatten. Alle anderen Touristeninseln bieten nur spartanische Unterkünfte. Es kommen Taucher und Angler, End-of-the-World-Sucher, Indien-, Schlangen- und Vogelspezialisten. Die Mehrzahl der Gäste sind freilich Inder vom Festland oder Rucksackreisende, die für fünf Euro pro Nacht in den einfachsten Hüttchen ihr Glück finden.

Generell steckt der Tourismus auf den Andamanen noch in den Kinderschuhen. Der Archipel im Golf von Bengalen steht erst seit 1997 den Besuchern teilweise offen. Weitere Inseln sollen erschlossen werden, aber was heißt das schon in Indien? Das kann noch Jahre oder Jahrzehnte dauern. Auf den Nachbararchipel der Nikobaren dürfen bis heute noch keine Urlauber.

Seit dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 sind die Andamanen weltweit bekannt. Auch durch ein Foto: Als ein Aufklärungshubschrauber über Sentinel Island kreiste, um die Lage nach der Katastrophe zu erkunden, wurde dieser mit Pfeil und Bogen beschossen.

Solche Taten – auch der Mord an dem Amerikaner – werden im Übrigen von den indischen Behörden nicht verfolgt. Die Indigenen stehen auf ihrem Grund außerhalb des indischen Gesetzes. Der Tsunami kostete kein Leben eines Ureinwohners, während aus der zivilisierten Bevölkerung rund 5.000 Menschen starben. Sie wussten die Zeichen der Natur, etwa von Tieren und der vorangehenden starken Ebbe, richtig zu deuten und suchten höhere Lagen auf.

Einige respektlose Neugierige brechen ver‧botenerweise immer wieder auf, um „die letzten Wilden“ zu sehen, nicht darauf achtend, dass so ein Besuch durchaus lebensgefährlich sein kann. Für die Indigenen, weil ihr Immunsystem gegen eingeschleppte Keime und Bakterien keine Chance hat. Und für die Besucher, weil es ihnen zumindest bei den Sentinelesen so ergehen kann wie dem bibeltreuen Amerikaner.

Jochen Müssig
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