Polen

Lodz: Theo macht jetzt auf Kunst

Ein wichtiges Revitalisierungsprojekt: renovierte Ziegelsteinbauten auf dem Gelände der „Manufaktura“ Foto: pixabay

Wie eine "postindustrielle Stadt" entstanden ist

Ich habe diese Landluft satt, will endlich wieder in die Stadt“, sang Vicky Leandros in ihrem Hit „Theo, wir fahren nach Lodz“. In den vergangenen Jahrzehnten freilich haben viele Theos, aber auch viele Piotrs und Aleksanders die ostpolnische Metropole verlassen. Lodz war lange eine schrumpfende Stadt. Von rund 850.000 Einwohnern im Jahr 1988 sank die Zahl auf derzeit ungefähr 690.000. Ein gewaltiger Aderlass, der erst in jüngster Zeit gestoppt werden konnte.

Lodz, einst die Textilmetropole Mitteleuropas, das Manchester des Ostens, musste sich in den vergangenen Jahrzehnten neu erfinden. CEO Tomasz Koralewski von der lokalen Tourismusorganisation spricht von einer „postindustriellen Stadt“ – doch was ist das genau? Als Vorzeigeprojekt gilt die Manufaktura, ein 27 Hektar großes Einkaufs- und Freizeitzentrum, das auf dem Gelände einer ehemaligen Textilfabrik entstand. Anstatt Spinnerei, Weberei und Baumwolllager finden sich hier heute Geschäfte, Tanz- und Bowling-Zentren, Restaurants, Kinos, Fitness-Studios, Cafés, ein Theater und ein Karussell.

Eine Stadt im Wandel

Ein auf dem Dach der Spinnerei gelegener ehemaliger Löschwasser-Tank dient heute als Panorama-Swimmingpool eines Luxushotels. Im Gebäude der einstigen Weberei findet sich das MS2, eine Niederlassung des Museums Sztuki, eines Avantgarde-Museums für moderne Kunst, das man nicht verpassen sollte. Es ist nicht das einzige Museum auf dem Areal. Wer will, kann im Fabrikmuseum im Gebäude der ehemaligen Textildruckerei einen Webstuhl in Aktion erleben. Und er kann im Palast von Izrael Poznanski, dem Gründer und ursprünglichen Besitzer der Fabrik, die Stadtgeschichte erkunden und erahnen, wie prunkvoll die Textilfabrikanten einst lebten.

Neue Urbanität

Lodz war ursprünglich eine im quadratischen Stil angelegte Fabrikstadt – mit einer Prachtstraße, die noch heute das Herz der Stadt bildet. In der Piotrkowska bauten reiche Fabrikbesitzer und Kaufleute ihre Paläste, hier entstanden elegante Hotels, wie das 1888 eröffnete Hotel Grand. Viele Fassaden sind saniert und erstrahlen im alten Glanz der Gründerzeit. Wer dann zu Fuß durch die Piotrkowska-Straße flaniert, kann den Rückweg mit der Fahrradrikscha antreten.
Dass Lodz auf urban macht, zeigen dort auch übergroße Wandgemälde, die von Graffiti-Künstlern aus aller Welt erstellt wurden. Eines der Markantesten stellt ein hölzernes Segelschiff dar – denn Lodz heißt übersetzt genau das: Schiff oder Boot.

Rainer Heubeck

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