Malediven

Doppeltes Land

In einen unwirklichen Schlaf versunken: Verkaufsstand auf Dhigurah. Foto: fh

Malediven: Dhidhdhoofinolhu und Dhigurah trennen Welten

Bis zum Horizont zieht sich der makellose Himmel, ganz hinten nagt das Abendrot am Blau, und nur einige spielerische Federwolken sprenkeln den Himmel. Zwei Kinder rennen lachend aus einem Hoftor, aus der Ferne klingt leise Geschirrklappern. Wie ausgestorben liegen die staubigen Wege der Insel Dhigurah im Süd-Ari-Atoll da. In der Stille der flirrenden Hitze trägt der Wind das Geräusch der Brandung bis zur Hauptstraße.

Wenn man sie so nennen mag. Es gibt fünf, sechs Touristenläden, die blitzschnell öffnen, wenn ein Boot mit Besuchern anlegt, ansonsten in denselben unwirklichen Schlaf versinken, in dem die ganze Insel gefangen scheint. Ein einziger kleiner Laden verkauft Süßigkeiten, Hefte und Haarshampoo – allesamt aus Indien, China oder dem Nahen Osten.Fast nichts wird auf den Malediven hergestellt, fast nichts angebaut. Auch Dhigurah hat gerade genug Humusboden für ein paar Kokospalmen und einige Gärten mit Süßkartoffeln, Papaya und Paprika. Kein Wunder, dass die Preise auf den Malediven allerorts erschreckend hoch sind. Nur die Cola stammt aus dem Land. Übrigens die einzige weltweit, die aus entsalztem Meerwasser hergestellt wird.

Rund 500 Menschen leben auf Dhigurah, sagt einer der Souvenirverkäufer. Vielleicht. Wozu auch zählen, es kennt ja sowieso jeder jeden. Um die Insel zu umrunden, braucht man mit dem Moped zehn Minuten. Die jugendlichen Männer des Dorfes wissen es ganz genau, denn jeden Abend jagen sie ihre Maschinen über die unbefestigten Wege, Runde um Runde. Andere Ablenkung gibt es kaum – einen Bolzplatz noch und ein Café, in dem alte Männer sitzen. Auf den abgelegenen Inseln bleibt alles, wie es ist. Am blitz-weißen Strand hängen dieselben Palmen über dem blaugrünen Wasser wie letztes Jahr. Und all die Jahre davor, gefangen zwischen Idylle und Langeweile.

Nur wenige Kilometer weiter liegt die Insel Dhidhdhoofinolhu mit dem Fünf-Sterne Diva Resort. Ein Dorf gibt es hier nicht, dafür aber rund 150 Bungalows mit Blick über den weißen Strand oder gleich auf Stelzen ins unfassbar blaue Meer gebaut. Zum Greifen nah, dennoch Welten vom Nachbarn Dhigurah entfernt. Bis 2008 durften dessen Bewohner nur zum Arbeiten herübersegeln, ebenso war es den Gästen des Resorts verboten, auf der Nachbarinsel zu übernachten.

Viel geändert hat sich seither nicht. Vor allem Hochzeitsreisende und frisch Verliebte blicken abends seufzend in den Sonnenuntergang. Am Restaurant, auch dies auf Stelzen ins Meer gebaut, wird die Fütterung der Rochen vorbereitet. Später, wenn sich die gigantischen Tiere im Schein der Fackeln röchelnd auf den Steg schmeißen, um die Fischhäppchen zu ergattern, drehen die Jugendlichen von Dhigurah die zehnte, zwölfte, zwanzigste Runde um die Insel.
Françoise Hauser

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