Sri Lanka

Sri Lanka: Leichtes Spiel für die Holländer

Die Stelzenfischer von Weligama verdienen ihr Geld heute als Fotomotiv

Koloniales Flair in der Hafenstadt Galle

Das Fort mit seinem Leuchtturm wurde im 17. Jahrhundert von den Niederländern errichtet

Am frühen Morgen liegt die Stadt Galle an der Westküste Sri Lankas wie verwunschen da. Nebelschwaden ziehen durch die noch unbelebten Straßen und Gassen der Altstadt und überziehen die historische Festung mit einem Schleier, als sollte sie geschützt werden vor dem Kanonenfeuer feindlicher Schiffe. Die Brandung des Indischen Ozeans bricht sich krachend an den hohen Mauern des Forts.
Mit zunehmendem Tageslicht löst sich der Nebel auf, die Festungsmauern und niedrigen Häuser an der Küste strahlen in Rot und Orange. Über den Dächern kreisen Seeadler. Die Hafenstadt mit ihren rund 130.000 Einwohnern erwacht. Es sind vorwiegend Singhalesen, aber auch Tamilen, Muslime, Christen und so genannte Burgher, weißhäutige Nachfahren europäischer Kolonialmächte. 
Buntes Treiben in historischer Kulisse
In sanierten Häusern und Villen, erbaut zwischen Ende des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts, sind Museen und Boutique-Hotels, Cafés und Restaurants, Galerien, Edelsteinschleifereien und Souvenirgeschäfte untergebracht. Marktschreier bieten Fisch, Gemüse und Obst feil. Die Gerüche von überreifem Obst, frischen Meeresfrüchten, ofenwarmen Backwaren und klebriger Luftfeuchtigkeit mischen sich mit der salzigen Brise des Meers zu einem tropischen Duftcocktail, der die Sinne betört.
Die Unesco hat Galle Fort 1988 zum Weltkulturerbe erklärt. Für die Einwohner Colombos – die Hauptstadt Sri Lankas befindet sich 115 Kilometer weiter nördlich – hat sich Galle seither zum beliebten Ausflugsort an Wochenenden entwickelt. In der Hauptsaison von November bis März kommen zahlreiche Tagesbesucher. Die Badeurlauber aus dem nahen Unawatuna schätzen das koloniale Flair als Abwechslung zum Strandleben. 
Und wer die legendären Stelzenfischer von Weligama sehen möchte, muss nur rund 30 Kilometer nach Osten fahren. Früher gingen die Fischer ihrem beschwerlichen Broterwerb nach. Heute hocken sie als Fotomotive auf ihren Pfählen im Wasser. Dem Geldeintreiber entgeht kein Tourist, der einen Schnappschuss machen will.
Zeugen der Geschichte
Wer auf den Mauern von Galle Fort und durch die Straßen der Altstadt wandelt, dem begegnet an vielen Stellen die reiche und tragische Vergangenheit des Ortes. Schlachten zwischen rivalisierenden Kolonialmächten, mehrere Jahrhunderte Fremdherrschaft und den Tsunami im Jahr 2004, der in der Region Galle rund 4.500 Todesopfer forderte, überdauerte der Ort. Die Riesenwelle richtete in der Neustadt wesentlich schlimmere Schäden an als in der Altstadt. Die Mauern des Forts wirkten wie Wellenbrecher. 
1292 soll Marco Polo auf dem Weg nach Indien Galle passiert haben und Sri Lanka als „schönste Insel dieser Größe auf der Welt“ bezeichnet haben. Ibn Batuta, islamischer Forschungsreisender, erreichte Galle 1344 und berichtete von arabischen Daus, Segelschiffen, die von hier mit Edelsteinen und Gewürzen beladen nach Südostasien und Ostafrika aufbrachen. Der chinesische Admiral Cheng Ho kam 1411 mit einer Armada von mehr als 60 Schiffen, 1.000 Mann an Bord und reicher Beute an Gold. 
1524 begannen die Portugiesen das Fort zu bauen und legten damit den Grundstein für mehr als 400 Jahre Kolonialherrschaft auf Sri Lanka, in deren Verlauf sich Galle zu einem wichtigen Hafen für den Handel zwischen Asien und Europa entwickelte. 
An das Fort der Portugiesen erinnert heute wenig. Es war zu schwach befestigt, und so hatte die holländische Seemacht 1640 leichtes Spiel, Galle zu erobern. Die neuen Kolonialherren lernten aus den Fehlern der besiegten Portugiesen und bauten das Fort zu einer in dieser Zeit kaum einnehmbaren Festung aus, wie wir sie heute vorfinden.
Michael Winckler

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