Dominikanische Republik

Stadt mit vielen Gesichtern

Vor der Kathedrale von Santo Domingo thront Entdecker Christoph Kolumbus.

Vor der Kathedrale von Santo Domingo thront Entdecker Christoph Kolumbus. Foto: TUI

Santo Domingo: Die Kapitale der Dom Rep ist einen Besuch wert, weil sie Kapitale ist

Es wäre vermessen, Santo Domingo mit der Champions-League der Städtereisenziele zu vergleichen. Mit Paris oder London oder New York oder so. Selbst wer es auf einen kulturellen Overkill anlegt, wird das in der Hauptstadt der Dominikanischen Republik nicht schaffen. Dafür ist die Metropole zu harmlos, vielleicht auch zu jung.

Santo Domingo wurde 1468 von Bartolomé Colón gegründet, dem Bruder des Christoph Kolumbus. La Nueva Isabela, wie Santo Domingo damals hieß, ist die älteste von Europäern errichtete Stadt in der Neuen Welt. Alt in der Neuen Welt, das ist immer noch jung. Nach einem Hurrikan im Jahr 1501 musste Santo Domingo noch mal von vorne anfangen, die Neugründung erfolgte am Westufer des Flusses Ozama. Was man heute sieht, die rechtwinklig angelegten Straßen und um den zentralen Plaza de Armas, das entspricht dem Ideal der Renaissance-Städtebauer. Und offenbar ist Santo Domingo immer noch zu klein, als dass es Subkulturen gebären könnte. Im Ballungsraum leben rund drei Millionen Menschen, das ist fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung, aber die eigentliche Stadt ist menschenarm. Die Einwohnerdichte liegt vielfach unter der deutscher Großstädte. Dennoch sollte man Santo Domingo nicht aussparen, wenn man in der Dom Rep unterwegs ist. Freilich kennt man ein Land noch nicht, wenn man seine Großstädte durchstöbert hat. Man nehme zum Beispiel Istanbul, eine kulturelle Patchwork-Decke. Nicht mal der Osten der Mega-City bildet den Rest des Landes ab, und der europäisch durchsetzte Teil westlich des Bosporus erst recht nicht. Umgekehrt aber gilt, dass in den Metropolen der nationale Zeitgeist haust. Dort kann man Puls fühlen, und sei er – wie im Fall von Santo Domingo – eher schwach. Rätselhaft ist es allemal, warum die Hauptstadt im Südwesten der Dominikanischen Republik schlecht durchblutet wirkt. Vieles ist hier mittelprächtig, die Freundlichkeit, das Essen, die Sehenswürdigkeiten. Mit einer Ausnahme: der Kathedrale Santa Maria de la Encarnación, die als erste der Neuen Welt gilt. Sie ist aus Kalkstein gebaut und weist kunstvolle Stilelemente aller möglichen Epochen auf. Bänke und Türen sind aus Mahagoni, dem Nationalbaum, gefertigt. Auf dem Platz vor der Kathedrale wurde Kolumbus auf einen Sockel gehoben. Am Plaza de la Hispanidad mit Blick über den Fluss liegt der Palast Alcázar de Colón aus dem 16. Jahrhundert, in dem sich das Vizekönigliche Museum befindet. Der Unesco ist die Altstadt Zona Colonial immerhin eine Aufnahme in die Welterbeliste wert. Glücklicherweise ist der Faro de Colón, ein Ausbund an Hässlichkeit, etwas außerhalb der Stadt zu finden. Der mausgraue Betonklotz in Form eines liegenden Kreuzes wurde zu Ehren von Kolumbus 1987 gebaut. Angeblich befinden sich hier die Gebeine des Seefahrers. Doch andere Städte bestreiten das, so auch Sevilla. Aber wes Geistes Kind ist nun die Nation? Fast 80 Prozent sind Mulatten, weswegen die Nationalpuppe, aus Ton gefertigt und beliebtes Souvenir, kein Gesicht hat: Die Dominikanische Republik hat viele Gesichter, so die Botschaft. Die meisten Dominikaner sind katholisch. „Aber wir haben auch Evangelisten, Buddhisten, Touristen und Baseballisten“, sagt Stadtführer Edwin Aristi. Baseball – also hat die Stadt doch Leidenschaften?
Pilar Aschenbach

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