Martinique

Martinique: Das Erbe der Sklaven

Zur Fondation Clement gehört auch ein Skulpturenpark

Auf der Antilleninsel wurde ein lange verdrängtes Kapitel der Geschichte zurTouristenattraktion

Gilbert Larose in einer der Hütten der Savane des Esclaves. Fotos: mw

Der Lehnstuhl steht so einladend gleich hinter der Haustür, wie im 19. Jahrhundert. Heutigen Sitzmöbeln hat er eine praktische Ergänzung voraus, denn die Armlehnen können mit einem Scharnier auf die doppelte Länge ausgeklappt werden. „Man legte seine Reitstiefel darauf, damit das Personal sie einfacher abziehen konnte“, wird bei der Besichtigung erzählt.

Wer wie Homere Clement im 19. Jahrhundert über 160 Hektar Land mit Zuckerrohrstauden gebot, der war in der Hitze allenfalls in seinem mit ständigem Luftzug durch die Fensterlamellen gekühlten Haus zu Fuß unterwegs. Auf einem Hügel über dem ‧Anwesen vermittelt das Landhaus des Zuckerbarons heute als geschütztes Baudenkmal den Lebensstil der weißen Insel-Bohème von einst, die mit ihren Einkünften aus der Rumproduktion französisches Savoir-vivre in die Karibik importierte.

Einst gab es 700 Rumdestillen

Die Holländer hatten den Franzosen das Zuckerrohr im 17. Jahrhundert aus Brasilien mitgebracht. Ursprünglich war der destillierte Zuckersaft als Desinfektionsmittel gedacht. Doch der Durst der Welt ließ zeitweise 700 Destillen auf der rund 70 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Insel entstehen. Heute sorgt noch rund ein Dutzend zwischen Januar und Juni dafür, dass der Rum nicht versiegt. Ein Besuch gehört zu jeder Inselerkundung. Und da Martinique als französisches Übersee-Departement zur EU gehört, werden Urlauber beim Rückflug nach Europa – ab November fliegt Condor wieder direkt ab Frankfurt – auch nicht von Zollobergrenzen beschränkt.

Doch zurück zum Zuckerbaron Clement. Sein Wohnhaus gehört heute einer Stiftung, die mit der stillgelegten Fabrik, einem modernen Kunstmuseum und einem Skulpturenpfad im Garten auch an die Schattenseite der Plantagenwirtschaft er‧innert: die Sklaverei. Auf hohen Säulen etwa sind lose Köpfe drapiert in Erinnerung an diejenigen, die den weißen Sklavenhaltern zum Opfer fielen.

Sehenswert ist auch die „Savane des Esclaves“. Nahe der Touristenhochburg Trois Illets eröffnete Gilbert Larose ein Privatmuseum, ein Ensemble von Hütten, das von hölzernen Figuren bewohnt wird. Sie stehen für die 60.000 Schwarzafrikaner, die früher praktisch rechtlos auf der Insel ausgebeutet wurden. Tafeln erklären, wie die Menschen zur Ernte in die Felder zogen, wie sie sich mit 1,4 Quadratmetern Stoff im Jahr kleiden mussten und wie sie auf alten Jutesäcken keinen Schlaf fanden.

Erfolg des Sklavenmuseums überrascht

Andere Hütten zeigen, wie die 1848 Freigelassenen kleine Gärten bestellten, Hühner züchteten und Heilkräuter sammelten. Neu auf dem Gelände ist ein nachgebautes Dorf der Cariben, die vor der Ankunft der Weißen auf der Insel lebten.

Vom Erfolg seines Projektes ist der 55-jährige Larose, der mit 15 Jahren ohne Abschluss von der Schule ging, ohne von der Sklavenzeit irgendetwas gehört zu haben, selbst überrascht. „Anfangs haben mir viele abgeraten“, erzählt er. Von der Sklaverei hätten die Einheimischen nichts wissen wollen.

Weitere Infos unter www.fondation-clement.org und www.lasavanedesesclaves.fr.

Martin Wein

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