USA

Great Lakes: Wird’s bald rot?

Detroit vom kanadischen Windsor aus gesehen

An Bord der Hamburg auf der Suche nach dem Indian Summer

Na bitte, geht doch! Laubfärbung in Traverse City am Michigansee

Wohl an keinem Ort in Chicago werden so viele Selfies gemacht wie an der „Bohne“

Wo Touristen sind, warten hungrige Vögel. Dieser hofft an den Niagarafällen auf Futter

Das passt nie! Oder doch? Einfahrt in die erste der acht Schleusen im Welland-Kanal. Fotos: sl

Manchmal nimmt das Fotografieren auf Reisen absurde Formen an. Beispielsweise, wenn sich fünf Leute gleichzeitig über ein Ahornblatt auf dem Gehweg beugen. Es könnte ja im nächsten Moment weggeweht werden, was in diesem Fall einer kleinen Katastrophe gleichkäme. Denn das Ahornblatt ist rot – und damit eine absolute Rarität auf dieser vom Indian Summer bislang nicht besonders verwöhnten Reise.

Die Vorstellung vorab jedenfalls war so: Man sitzt in eine kuschelige Decke gehüllt an Deck des Kreuzfahrtschiffs Hamburg, hält eine Tasse Tee in der einen und ein Buch in der anderen Hand und lässt die in Gelb, Gold und Rot getauchten Landschaften am Ufer der Great Lakes an sich vorüberziehen.

Die Realität sieht dann auch so ähnlich aus, nur eben mit einem vorher nicht abgesprochenen unangenehmen Grünfilter, der sich über die Szenerie gelegt hat. Denn, so erklärt es Bord-Lektorin Heike Fries, das Laub des Zuckerahorns färbt sich erst dann rot, wenn der erste Nachtfrost Einzug gehalten hat. Hatte er bis dahin nicht, und so ist das Laub nun, Mitte Oktober, eben noch grün.

Auch in Grün sehr schön

Was soll’s, denn die eigentlichen Hauptattraktionen der von Plantours veranstalteten 18-tägigen Reise von Montreal nach Chicago und wieder zurück sind die Städte und Ausflugsmöglichkeiten an den Ufern von Michigan-, Huron-, Erie- und Ontariosee sowie entlang des St.-Lorenz-Stroms. Und die sind in allen Farben etwas Besonderes.

Chicago zum Beispiel. An einem stürmischen Tag, an dem das Wasser des Lake Michigan hohe Wellen schlägt, präsentiert sich die Stadt durchaus maritim mit Möwengeschrei, Segelbooten und etlichen stilvoll vor sich hinrostenden Schiffswracks im Hafen. Besonders gut besucht, da extrem Instagram-tauglich, ist die liebevoll „The Bean“ genannte Skulptur Cloud Gate im Millennium Park. Ihre gebogene Oberfläche stellt die Skyline im Hintergrund ebenso wie die sie fotografierenden Touristen so schön verzerrt dar, dass etliche Millionen Bilder davon in den weltweiten Netzwerken kursieren.

Art-déco trifft auf Verfall

Detroit drei Tage später kann da nicht ganz mithalten. Man sieht, dass es dieser Stadt schon mal deutlich besser ging – allerdings auch schon deutlich schlechter. Alte Prachtbauten wie das 1928 im Art-déco-Stil errichtete Fisher Building mit einer fast unwirklich schönen Lobby gibt es hier ebenso zu sehen wie komplett verlassene Stadtteile, die sich alternative Künstlergruppen langsam zurückholen. Laubfarbe in Detroit übrigens: grün.

„Nie im Leben passt das da durch!“ Wobei „das“ in diesem Fall die Hamburg und „da“ die erste Schleuse des Welland-Kanals ist, der Erie- und Ontariosee verbindet. Als Passagier wartet man jede Sekunde auf ein hässliches metallisches Quietschen. Denn wenn ein Schiff von 21,5 Meter Breite in eine 24 Meter breite Schleuse einfahren soll, muss der Kapitän die Sache schon ziemlich gut im Griff haben.

Volle Konzentration also für Vladimir Vorobyov, der seit 40 Jahren im Geschäft ist. Und wenn er sagt, dass die Antarktis trotz der Stürme und Eisberge einfacher zu befahren sei als der Welland-Kanal, kann man sich vorstellen, dass das hier in der Tat eine besondere nautische Herausforderung ist.

Inselchen und erste rote Blätter

Vorobyov macht einen guten Job und es geht weiter nach Toronto. Die kanadische Metropole wird aufgrund ihres Stadtbildes für Filme und Serien häufig als New-York-Double verwendet, auch die Niagarafälle sind von hier aus gut zu erreichen.

Bei der Einfahrt in den St.-Lorenz-Strom auf dem Weg nach Montreal zeigen sich dann tatsächlich ein paar erste rote Blätter an den Bäumen. Das Panorama ist hier, besonders im Bereich der Thousand Islands, beeindruckend schön. Automatisch stellt man sich vor, auf welches der Inselchen man sich denn zurückziehen würde, sollte man irgendwann mal ein reicher Rentner sein.

Vorerst reicht das Geld nur für eine Portion des ostkanadischen Nationalgerichts Poutine in einer Kneipe in Montreal. In Bierbutter frittierte Pommes mit ordentlich Bratensauce und Pulled Pork drauf, das ganze Desaster mit Käse überbacken. Sieht grauenvoll aus, schmeckt super, macht satt bis Weihnachten und entschädigt auf jeden Fall für den etwas zu grün geratenen Indian Summer.
 

Susanne Layh
 

Anbieter und Routen
Nordamerikas Große Seen sind aufgrund der engen Schleusen nur kleinen Kreuzfahrtschiffen zugänglich. Dazu gehören neben der Hamburg von Plantours zum Beispiel die Neubauten von Hapag-Lloyd Cruises und Ponant. Und die sind auf diesen besonderen Routen sehr gefragt: Die Sommerabfahrten 2020 des Hapag-Lloyd-Neubaus Hanseatic Inspiration ab Chicago und Toronto sind bereits ausgebucht. Gleiches gilt für die Reise des neuen Ponant-Luxus-Expeditionsschiffes Le Champlain im September 2019. Für die Große-Seen-Tour vom 6. bis 16. Oktober 2019 gibt es aber noch Kabinen. Die Reise führt von Milwaukee nach Quebec und über den Lake Huron und den Eriesee sowie über den St. Claire und den St. Lawrence River. Laut Plantours-Website sind auch die beiden Touren der Hamburg im September und Oktober 2019 noch buchbar.

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