Japan

Alpenblick in Fernost

Shibu ist voller heißer Bäder. Das prägt auch das Straßenbild. Fotos: fh

Unberührte Natur und heiße Quellen: die Japanischen Alpen bei Nagano

Die erste Begegnung mit Herrn Yumoto passt nicht wirklich ins japanische Stereotyp: Der 60-jährige Germanist steht mitten auf der Straße im Kurort Shibu, mit einer Art Baumwollbademantel bekleidet, auf dem Kopf ein feuchter Waschlappen, an den Füßen zwei Holzschlappen, die bei jedem Schritt laut klappern.

"Sie kommen aus Deutschland?", freut er sich ob der seltenen Ausländer, denn er erinnert sich gerne an seine Studienzeit im Heidelberg der 70er Jahre. Dann fragt er nach Reisedetails, in etwas angerostetem, doch erstaunlich wortgewaltigem Deutsch. All das vor der fernöstlichen Kulisse jahrhundertealter Architektur und im goldenen Licht der Japanischen Alpen. Ein wahrhaft interkultureller Moment. Nur der Waschlappen lenkt ein wenig ab.

Erst später löst sich das Mysterium auf, denn überall in Shibu wandeln die Menschen in kleinen Gruppen im Bademantel durch die Straßen, rotgesichtig und sichtlich erschöpft, aber mit einem entspannten Lächeln um die Lippen. Sie alle kommen direkt aus einem Onsen, dem Bad in den heißen Quellen, für die Shibu so berühmt ist.

Sogar der feuchte Waschlappen - Herr Yumoto ist nicht der einzige, der ihn trägt - findet eine beruhigend normale Bedeutung: Er kühlt den Kopf, und manch einer vergisst ihn schlicht bei Verlassen des Bades. Und der Bademantel erweist sich als Yukata, ein Baumwoll-Kimono, der in Kurorten mit der Nonchalance eines Sommerkleides und der Regelmäßigkeit einer Uniform getragen wird.

Überall in Shibu gibt es Onsen, versteckt hinter verzierten Holztüren. Öffnen kann man sie nur mit einem speziellen Schlüssel, der den Gästen des Ortes ausgehändigt wird, was dem Ganzen etwas geradezu Geheimnisvolles verleiht. Dabei sind Onsen in Japan nichts Besonderes. Sogar die Affen sitzen drin, ein paar Kilometer weiter, im Jigokudani-Park, dem "Höllental". Zwischen Geysiren und blubbernden Felsspalten hängt der Geruch von Schwefel, der bei jedem Schritt daran erinnert, dass die Japanischen Alpen ihre Existenz dem Vulkanismus verdanken. Shibu und Jugokudani liegen mittendrin in dieser spannenden Welt, zwischen Dreitausendern, weiten Wäldern und tiefen Schluchten.

Kein Wunder, dass die Japanischen ‧Alpen rund um die Nagano für ihren Freizeitwert bekannt sind: Im Winter pilgern Snowboarder und Skifahrer zu den Pisten von Shigakogen, auf denen 1998 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Dann wird es abends eng in den Onsen-Bädern, denn nichts hilft besser bei Muskelkater, als ihn sofort mit Thermalwasser aus dem Körper zu kochen.

Im Sommer sind es die Wanderer, die sich mit bimmelnden Stöcken gegen Bärenkontakt wappnen und auf langen Spaziergängen von der Großstadtwelt Tokios oder Osakas erholen. Sogar ein wenig Exotik ist drin. Aus japanischer Sicht, versteht sich: Manches Hotel wurde in österreichischem Stil erbaut und zieht nun als "Alpenblick" oder "St. Anton" die Gäste an.
Françoise Hauser