Di 03.04.18

Alles so schön gelb hier


Provence: Im Frühling zeigt der Landstrich ein anderes Gesicht


Ein ungewohntes Bild: Provence in Gelb, Rapsblüte im Luberon – hier vor den Toren der Ortschaft Murs. Foto: hs

Ein ungewohntes Bild: Provence in Gelb, Rapsblüte im Luberon – hier vor den Toren der Ortschaft Murs. Foto: hs

Manchmal duftet der Frühling nicht. Dann leuchtet er nur. In strahlendem Gelb, enorm satt und intensiv. Als würde sich die Sonne in den Blüten auf den Äckern spiegeln. Zypressen säumen diese Felder in loser Folge wie vom Himmel gefallene Ausrufezeichen, Gehöfte aus aufeinandergestapelten hellen Natursteinen thronen auf sanften Hügeln inmitten all diesem Gelb, als wäre es nie anders.

Das aber, was da so intensiv blüht und nicht duftet, erwartet hier keiner so recht – nicht mitten in der Provence, nicht im Lavendel-Land: Raps. Bis hinter den Horizont. Endlose Felder bei Murs im Luberon zum Beispiel – und anderswo. Es ist das andere Gesicht der Provence: das des Frühlings. 

Still ist es drumherum, fast kein Auto ist auf den schmalen Asphaltbändern unterwegs, die sich durch die Hügellandschaft östlich von Avignon und nördlich von Marseille von Dorf zu Dorf winden. Ein Lieferwagen vielleicht, ein Traktor mal – keine Wohnmobile, keine Camping-Gespanne, fast kein Wagen mit ausländischem Kennzeichen. In den Cafés haben die Kellner Zeit für einen Plausch, in den Restaurants sind die besten Plätze auf den Terrassen frei.

Bei Lavendel wird es voll

Wenn die Provence in Gelb blüht, ist es dort ruhig. Im Frühling scheint kaum ein Urlauber diese Region auf der Agenda zu haben. Und erst im Sommer wird es wieder so richtig voll – und teurer: wenn die ganze Gegend in zartes Lila gehaucht ist und über allem ein intensiver Blütenduft liegt. Das ist das Antlitz, für das diese Region so berühmt ist. Das Bild, das auf jedem Reiseführereinband zu sehen ist und die Tourismuswerbung bestimmt. Ihr anderes Gesicht ist ebenso schön.

22 Grad, leuchtende Farben

Regine Liardet zuckt mit den Schultern. Sie ist ein wenig mitschuldig an dem Lila-Klischee. Die Frau ist Lavendelbäuerin in Sault. „Dabei blüht der Lavendel frühestens von Mitte Juni bis maximal Ende August. Aber irgendwie ist sein Violett zu unserer Farbe geworden.“ 

Was sie vom Gelb der Rapsblüte hält? Vom Frühling? „Ach, das Schönste an all der Zeit außerhalb der Lavendelblüte ist doch, dass dann viel weniger los ist“, sagt sie. „Die Provence ist noch urtümlicher, unsere Dörfer liegen ruhig da. Und du kriegst überall einen Parkplatz.“ Jetzt lacht sie.

Morgens hängt derweil oft noch Nebel hinter den Häusern und taucht die Nachbargebäude in geisterhaftes Licht. Von irgendwoher bellt ein Hund, kühl ist es noch, es duftet nach Pinien und Kräutern, ein bisschen nach Halsbonbon. Sobald sich dieser Vorhang zu lichten beginnt, setzt regelmäßig auch das Vogelkonzert ein – und keine halbe Stunde später ist keine Spur mehr von diesem Schleier. Wieder klettert das Thermometer auf 22 Grad, wieder ist der Himmel sattblau, wieder leuchten alle Farben. Und vor allem das Gelb des Frühlings.


Helge Sobik

 

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