Gastbeitrag von Cheyenne Bald: Trotz Thomas-Cook-Pleite, Corona und der Insolvenz ihres Ausbildungsbüros ist die junge Touristikerin überzeugt: Der Reisebüro-Beruf bietet Chancen, persönliche Erlebnisse und die Möglichkeit, Menschen glücklich zu machen.

Cheyenne Bald vom Dertour Reisebüro in Roth arbeitet seit 2019 in der Touristik und hat bereits viele Krisen erlebt. Aufgeben kam für die junge Touristikerin nie infrage. Sie sieht die schönen Seiten des Berufs und appelliert an ihre Kollegen, den Blick auf das Positive zu richten.
„Kennt ihr die Expi Talk Whatsapp-Gruppe? Ich schätze den Austausch dort sehr, denn neben den wunderschönen Destinationen auf dieser Welt, die wir täglich planen und verkaufen, sind die Kontakte, die wir knüpfen, mindestens genauso wichtig. Die Gruppe bietet Raum für Erfahrungsberichte, Infos und Fragen. Manchmal dient sie auch dazu, Frust abzulassen, denn die Weltpolitik belastet uns alle, auch die Konkurrenz im Internet ist mühselig. Der „Checker“, der alles besser kann, und suggeriert, dass das Reisebüro überflüssig ist.
All diese Emotionen kann ich nachvollziehen. Wir sitzen im gleichen Boot, auch wenn die Wellen manchmal unterschiedlich hoch sind. Was ich aber nicht verstehen kann, ist, wie die Schönheit unseres Jobs in den Hintergrund gerät und man sogar jungen Leuten von einer Ausbildung im Reisebüro abrät. Genau deshalb möchte ich mich als „junger Expi“ äußern – nicht aus Trotz oder Naivität, sondern aus dem Gefühl heraus, dass das Gute in unserem Beruf leiser wird und das Schlechte immer lauter.
Herausforderungen seit der Ausbildung
Ja, unser Job ist nicht nur Karibikstrand und Sonnenuntergang, er ist auch Unsicherheit, Spannung und eine Welt, die sich schneller dreht, als einem lieb ist. Dennoch darf man die positiven Seiten nicht vergessen. Nach Abitur und Auslandsaufenthalt wusste ich sofort, was ich künftig machen wollte. Ich liebe Reisen, Dinge planen und Menschen eine Freude machen. Deshalb lag es auf der Hand, eine Ausbildung im Reisebüro zu machen.
2019 habe ich begonnen, ohne zu wissen, was für eine herausfordernde Zeit es wird. 25 Tage nach meinem Ausbildungsbeginn meldete Thomas Cook Insolvenz an. Die Stimmung im Büro kippte, jeder stand unter Spannung. Und ich? Ich hatte mir gerade eben erst die Namen der Kollegen gemerkt.
2020 dann die Corona-Pandemie. Sie machte meine Ausbildungszeit zu einem sich ewig ziehenden Spektakel. Berufsschule online, von Laufkundschaft keine Rede. Stornos und Umbuchungen dominierten die nächsten zwei Jahre.
Rückschläge und trotzdem weitermachen
Der nächste Schlag: die Insolvenz meines Ausbildungsbüros. Meine Zweifel waren da, denn viele Branchen kehrten irgendwann wieder zur Normalität zurück, während bei uns Normalität doch nur ein vorübergehender Zustand war. Die Bemerkungen im Umfeld wurden zunehmend kritischer – gut gemeint, aber doch skeptisch.
Menschen etwas ermöglichen, das sie lange in Erinnerung behalten werden, ist das, was mich gehalten hat. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass Inforeisen und Vergünstigungen nicht auch überzeugende Aspekte waren. 2022, als die Welt langsam wieder auftaute, neue Reisen und Geschichten entstanden, wusste ich: Hier bin ich richtig. Unsere Branche bleibt von Krisen und Unsicherheiten geprägt, aber es gibt auch die positive Seite, die oft vergessen wird.
Persönliche Erlebnisse und Vorteile
Aus einfachen Verhältnissen kommend, wo Urlaub und Reisen oft nicht möglich waren, habe ich mit 26 Jahren dank des Jobs schon viel von der Welt gesehen. Safari in Namibia, „Special-Treatment“ im Disneyland und Zeremonien auf Bali sind nur ein paar Highlights der Inforeisen, die ich machen durfte. Dank unserer Expi-Vorteile habe ich Destinationen bereist, die ich mir früher nie hätte vorstellen können. Aus Bucketlist-Träumen sind Erinnerungen geworden.
Genau deshalb ist der Groll oft widersprüchlich. Wir verkaufen nicht nur Reisen, wir gestalten Lebenszeit und lassen Träume wahr werden. Robert Baden-Powell sagte: „The most worth-while thing is to try to put happiness into the lives of others.” Genau das machen wir. Wir füllen Leben mit Freude. Vielleicht ist das unser Kern: nicht perfekt und nicht immer einfach, aber bedeutend!
Digitalisierung und neue Arbeitsmodelle
Gleichzeitig muss sich die Branche verändern, denn unsere Welt ist digital geworden, viele Anfragen kommen über solche Kanäle. Das ist längst keine Vision mehr, sondern Realität. Den überwiegenden Teil digital abzuwickeln, ist nötig, auch um junge Kunden zu gewinnen. Die Herausforderung ist es, den persönlichen Kontakt und die Digitalisierung zu vereinen. Damit der Job für Jüngere attraktiver ist, muss die Work-Life-Balance stimmen, nicht als Ausrede oder Modewort, sondern als Antwort auf die Frage, wie wir langfristig arbeiten können, ohne auszubrennen.
Wir können und möchten arbeiten, jedoch ist die Sicht einer Generation, die gelernt hat, dass Arbeit gut sein soll und wichtig ist, aber nicht alles sein darf, anders. Neue Arbeitsmodelle schließen Professionalität nicht aus, außerdem ist die Qualität der Beratung entscheidend, nicht der Arbeitsort. Altes Wissen und neue Arbeitsweisen zu verbinden, ist der Weg nach vorn.
Fazit: Mehr als nur Reisen verkaufen
Zum Schluss: Wenn Du denkst, Du verkaufst nur Reisen, irrst Du Dich. Du verkaufst Momente, die Menschen ein Leben lang begleiten. Und manchmal verkaufst Du die Ruhe in einer doch so unruhigen Welt.“



