„Alles war azurblau – nur nicht unser Gemüt“

So hübsch wie unaufgeregt: Sanary-sur-Mer bei Toulon. Foto: cd

Wenn ein Preis zu vergeben wäre für den malerischsten Hafen an Frankreichs Mittelmeerküste, Sanary-sur-Mer hätte große Chancen, ihn zu gewinnen. Nirgendwo sind die Fischerboote mit ihren frisch lackierten Rümpfen, so gepflegt, nirgendwo auch die Fassaden in Altrosa und Buttergelb so adrett und perfekt zur Hintergrundkulisse aufgereiht wie hier. Selbst im Hafen leuchtet das Wasser, als hätte jemand einen Badezusatz Marke „Blaue Südsee“ hineingekippt.

Ob Sanary streng genommen bereits zur Cote d’Azur zu zählen ist, sei dahin gestellt. Offiziell gehört der Ort zur Cote du Var, wie der westliche Teil des blauen Küstenstreifens zwischen Le Lavandou und Marseille genannt wird.1890, als der französische Teil der Riviera langsam bei Bourgoisie und Bohème in Mode kam, wurde aus dem provenzalisch benannten San Nazari das für Pariser Ohren geschmeidiger klingende Sanary-sur-Mer. Die ersten Autoren, die sich über den charmanten Küstenort ausließen, waren Erika und Klaus Mann in ihrem „Buch von der Riviera“, einem launig-geistreichen Reisebericht von 1931 in der Reihe „Was nicht im Baedeker steht“.

Als die Mann-Geschwister vorbeischauten, lebten in Sanary bereits Schriftsteller wie Aldous Huxley und der Maler „Kiki“ Kisling. Es habe seine eigene Bewandtnis mit Sanary, notierten die Mann-Kinder, „denn seit Jahren ist es… der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Bohème … „Diese Sanary-Sommer werden in die Kunstgeschichte eingehen“.

Erika und Klaus konnten nicht ahnen, dass ihre eigenen Eltern dort ab Juni 1933 als Exilanten weilen würden. Sanary war auch damals weit weniger mondän, und damit auch billiger, als etwa Cannes oder Nizza. Kein Wunder daher, dass viele intellektuelle Deutschland-Flüchtlinge hier ihr Quartier aufschlugen.

„Die Geschichte der Entdeckung Sanarys ist noch nicht geschrieben worden. In den Reisebüros der Welt kennt man es immer noch nicht“, schrieb Ludwig Marcuse in „Mein 20. Jahrhundert“. Doch plötzlich wurde das Fischerdorf zur „zeitweiligen „Hauptstadt der deutschen Literatur“. Im „Le Nautique“ oder im heute noch existierenden „Café de la Marine“ klampfte Bert Brecht Lieder gegen Goebbels auf der Gitarre. Das Publikum dazu bildeten Heinrich und Thomas Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger sowie weitere Schriftsteller und Geistesgrößen. „Wir waren im Paradies – notgedrungen“, notierte Herbert Marcuse.

Doch richtig glücklich war man nicht, denn Ferien und Exil sind nicht dasselbe. Man muss ja auch wieder abreisen dürfen. Die Deutschen mussten es dann auch, denn ab 1940 war die Côte keine sichere Zuflucht mehr. Als „feindliche Ausländer“ wurden die Exilanten ab 1940 in der ehemaligen Ziegelei Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Zum Glück konnten die meisten von ihnen über Marseille in die Freiheit entkommen. Seit September 2012 befindet sich im einstigen Lager Les Milles ein beeindruckender Museumskomplex. Er ist ein Projekt des Kulturhauptstadtjahres Marseille-Provence 2013.

Sanary-sur-Mer mit seinen rund 16 000 Einwohnern ist bis heute ein ebenso hübscher wie unaufgeregter Ort geblieben: Kein Platz für Prominenz und Schickeria, aber viel angenehme südfranzösische Lebensart. Im Hotel der la Tour, wo einst die Flüchtlinge ihre erste Adresse hatten, kann man noch heute wohnen. Eine Tafel mit drei Dutzend Namen von Schriftstellern und Künstlern am Bouleplatz erinnert an die Bedeutung Sanarys als Fluchtpunkt.

Das Touristenbüro gibt eine sehr gute dreisprachige Broschüre heraus, mit der man auf den Spuren der Exilanten wandeln kann. Ganz entspannt und ohne Zukunftsangst entdeckt man nebenbei den Charme des Städtchens. Und anders als bei Marcuse, darf dabei heute auch das Gemüt blaumachen.

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