Frankreich

Languedoc: Festungen über den Wolken

Wie auf die Bergspitzen geklebt: die Festung Peyrepertuse

Wie auf die Bergspitzen geklebt: die Festung Peyrepertuse. Foto: hs

Unterwegs zu den Katharer-Burgen im Pyrenäenvorland

Mit einem Mal ist es windstill. Als hätte der liebe Gott den klemmenden Hebel dafür doch noch in die Aus-Position wuchten und den Sturm einen Moment lang abschalten können. Eben noch hat es in den Ruinen der Festung von Peyrepertuse geweht, als wollte der Wind die 900 Jahre alte Burg der Katharer von der Felszinne heben. Als wollte er alle Zeiten durcheinander pusten sogar! Und bald kämen diese Ritter wieder hinter den Mauervorsprüngen hervor, als hätten sie dort einfach ein paar Jahrhunderte gewartet, bis es eine Unwucht in der Zeit geben und ein Orkan die Gegenwart wegblasen würde.

Es stürmt oft in diesem Winkel Südfrankreichs, und es sind harte, böige Winde, die die Zypressen im 50-Grad-Winkel biegen und den mehr als beindicken Stämmen alles an Flexibilität abfordern. Nicht mal die Burgmauern halten den Wind draußen: Er rotiert in den Treppenhäusern der verbliebenen Turmreste, faucht in Rittersälen ohne Dach, als käme er senkrecht herniedergefahren, donnert mit einer Wucht durch schmale Schießscharten, als wären es sperrangelweit geöffnete Portale.

Elf Burgen, viele Abteien

Es hat sich wenig verändert im Languedoc im nördlichen Pyrenäenvorland – in dieser Gegend, in der die Katharer zu Hause waren, die einen Sonderweg innerhalb der christlichen Kirche gingen und in einem langen Kreuzzug unterworfen und von der Inquisition vernichtet wurden. Damals, als die Menschen hier noch Okzitanisch sprachen. Seit Kurzem heißt die Region wieder Okzitanien – ganz offiziell und als Folge einer Verwaltungsreform.

Es ist, als hätten sie ihre Burgen damals einfach in die Wolken geklebt, auf die höchsten Felszinnen gebaut, auf eigentlich unerreichbare Vorsprünge im schroffen Gebirge.

Peyrepertuse ist so ein Fall – und die Burg Queribus ebenso. Elf Burgen der Katharer und ihrer unmittelbaren Nachfolger gibt es in der Region noch heute. Darüber hinaus sind etliche ihrer einstigen Abteien erhalten.

Besucheransturm im Sommer

Raymond Fannoy hat keinen Blick mehr für die Steine, die sich seit Jahrhunderten dort oben auf dem Berg türmen: „Für mich ist die Burg ganz normal, sie ist einfach da. Und sie war immer da.“
Er rührt mit dem Kochlöffel im Topf mit der Rotweinsoße für seine Rouladen – und müsste nur ins Freie treten, um die Silhouette von Queribus am Horizont zu sehen.

Die Burg ist es, die ihm heute die meisten Gäste beschert – diejenigen, die in den vier Zimmern seiner Auberge de Vigneron in Cucugnan unterkommen. Und die vielen Tagesbesucher im Sommer, die er in seinem Restaurant an der Südseite des 110-Einwohner-Ortes verköstigt.

Die Katharer-Burgen bescheren der Region während der Sommermonate einen Besucheransturm, dem die Übernachtungskapazitäten bei Weitem nicht gewachsen sind.

Die meisten kommen als Tagesbesucher von der nahen Mittelmeerküste – oder aus Carcassonne weiter im Norden, Festungsstadt und einst ebenfalls ein Sitz der Katharer. Außerhalb der Hochsaison versinkt die Region dann wieder in ihrem Dämmerschlaf – als wäre seit Jahrhunderten nichts geschehen.

Von Helge Sobik
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