Eine Führungsposition zu übernehmen, ist nicht immer einfach – erst Recht dann, wenn man im Familienunternehmen quasi groß geworden ist. Fünf Reiseexpertinnen berichten, wie ihnen dieser Schritt gelungen ist, wo die Herausforderungen und Chancen liegen und welche Unterstützung sie sich von ihren Vorgängern und Kollegen wünschen.

Laura Wierczeiko (34), Holiday Land Reisebüro Wagner, Bischofsheim: „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie. Mein Opa hat ein Bauunternehmen gegründet, welches meine Eltern erfolgreich weiterführen.
Als mich 2019 Freunde meiner Eltern fragten, ob ich ihr Reisebüro übernehmen möchte, musste ich nicht lange überlegen – auch wenn ich vorher keinerlei Berührungspunkte mit einem Reisebüro hatte. Ich habe eine touristische Ausbildung in Frankfurt abgeschlossen, Tourismus an der Hochschule in Worms studiert und war danach bei Fit Reisen tätig Angst vor der neuen Aufgabe hatte ich nicht, jedoch Respekt.
Ich bin ein sehr optimistischer Mensch und wusste, dass ich anfangs viel Unterstützung erhalten werde. Der Start verlief alles andere als perfekt. Eigentlich hätte ich das Büro im Jahr 2020 übernehmen sollen – doch dann kam Corona. Das Gute daran: Wir hatten viel Zeit, mich einzuarbeiten, besonders in das ,komplexere‘ Produkt Kreuzfahrten, da wir in diesem Bereich auch als Veranstalter agieren.
Im Februar 2022 zogen sich die beiden Geschäftsführer zurück, sind aber bis heute noch ein paar Stunden pro Woche aktiv. Auch wenn es den beiden anfangs schwer fiel, loszulassen, gelang der Übergang gut. Auch die langjährigen Mitarbeiter waren erleichtert, dass die Firma fortgeführt wird. Veränderungen sind manchmal herausfordernd.
Ich habe gelernt, kleine Schritte zu machen, was uns digital vorangebracht hat. Ich habe mir angewöhnt, in Stresssituationen ruhig zu bleiben und offen zu kommunizieren. Gute Stimmung im Team ist mir wichtig! Einmal im Jahr sind wir gemeinsam unterwegs, zum Beispiel auf dem Schiff MS Artania. Natürlich gab es Situationen, in denen ich mich gefragt habe, ob das der richtige Weg für mich ist. Es gibt auch Momente, in denen ich meine Unabhängigkeit vermisse. Doch gleichzeitig macht mir der Job mit meinem Team riesigen Spaß – und genau das schätze ich sehr!“

Lena Simon (25), Reisebüro Papendick, Hennef: „Ich wollte eigentlich schon immer eine Führungsposition übernehmen – vielleicht auch, weil es in meiner Familie mehrere Selbstständige gibt und ich dadurch früh gelernt habe, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin ausgebildete Tourismuskauffrau.
Während Corona entschied ich, zusätzlich Tourismusmanagement zu studieren. Parallel dazu begann ich meine Tätigkeit im Reisebüro Papendick – mit der klaren Perspektive, langfristig eine Führungsrolle einzunehmen. Mein Studium setze ich bis heute berufsbegleitend fort und werde dabei auch von meinem Arbeitgeber finanziell gefördert. Diese Entscheidung war absolut richtig. Denn ich erhielt die Gelegenheit, eine neue Filiale in Hamburg mit aufzubauen und durfte vier Monate lang ein Team einarbeiten.
Dort konnte ich mich als Führungskraft beweisen – was letztlich den Weg ebnete, um anschließend die Leitung der Filiale in Hennef zu übernehmen. Seit dem 1. November 2024 bin ich dort Teamleiterin. Auch hier konnte ich quasi ein neues Team aufstellen: Eine Kollegin kehrte aus der Elternzeit zurück; zusätzlich kam eine neue Vollzeitkraft dazu, sodass wir nun aus einem fünf- beziehungsweise bald sechsköpfigen Team bestehen – darunter drei Vollzeitkräfte inklusive mir, eine Teilzeitkraft, eine mobile Reiseberaterin und hoffentlich bald eine neue Auszubildende.
Im Unternehmen Papendick gibt es viele junge Teamleiter. Wir unterstützen uns, stehen im engen Austausch und können uns bei Bedarf an unsere Bereichsleiterin wenden. Auch Herr Papendick hat immer ein offenes Ohr – so fühle ich mich gut aufgehoben, wert-
geschätzt und unterstützt. Wichtig ist mir, dass ich mich fachlich und persönlich kontinuierlich weiter entwickle. Deshalb nehme ich
regelmäßig an Seminaren teil, zuletzt etwa zu Kommunikation und Führung. Ich bin sehr glücklich und habe die Entscheidung noch keinen Tag bereut.“

Lisa Goetze (32), Holiday Land Reisebüro Schack, Alsfeld: „Ich bin in einer Touristiker- Familie groß geworden. Zu unseren Unternehmen gehören mehrere Reisebüros sowie ein Bus- und Taxibetrieb. Obwohl meine Eltern mir völlig freie Hand ließen, war für mich schnell klar, dass mein Herz für die Touristik schlägt. Nach meiner ersten Ausbildung zur Physiotherapeutin entschied ich mich bewusst für eine zweite Ausbildung – zur Tourismuskauffrau. Die Option, eines Tages die Reisebüros zu übernehmen, stand für mich immer im Raum – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich Freude daran habe und mir eine Führungsrolle auch wirklich zutraue.
Seit 2015 bin ich im Unternehmen tätig und durfte von Anfang an aktiv mitgestalten. So habe ich unter anderem die Einführung der Paxlounge begleitet und meinen Ausbilderschein erworben. Es ist mir ein großes Anliegen, junge Menschen auszubilden und sie für unsere Branche zu begeistern. Gerade sie können zeigen, dass Reisebüros auch heute modern, relevant und zukunftsfähig sind.
Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für das Vertrauen und die Möglichkeit, eigene Ideen und Visionen einzubringen. Die schrittweise Heranführung an die Leitung des Unternehmens gibt mir Sicherheit und Mut – nicht zuletzt, weil ich in Themen wie Buchhaltung oder Personalführung hineinwachsen kann. Diese Übergangszeit nutze ich intensiv: Während meiner Elternzeit konnte ich mich genau diesen Bereichen widmen – mit viel Neugier und Lernbereitschaft. Nächstes Jahr werde ich die Leitung unserer drei Reisebüros übernehmen. Bis dahin sammle ich Erfahrungen. Mir ist bewusst, dass Veränderung nicht immer einfach ist – besonders dann, wenn im Team mehrere Generationen zusammenarbeiten.
Hier sind Fingerspitzengefühl, Zeit und Überzeugungskraft gefragt. Die Next-Generation-Gruppe innerhalb von Holiday Land ist für den Austausch mit anderen jungen Führungskräften ins Leben gerufen worden. Zu sehen, wie andere Herausforderungen meistern, inspiriert und motiviert mich.“

Lisa-Marie Reichelt (28), TUI Reisecenter, Kulmbach: „Seit 2016 arbeite ich im TUI Reisecenter in Kulmbach und habe in den vergangenen Jahren unbewusst immer mehr wichtige Aufgaben übernommen. Wenn meine Chefin im Urlaub war, habe ich mich um viele Vorgänge gekümmert und ihr den Rücken freigehalten, sodass sie ihren Urlaub unbeschwert genießen konnte. Als sie dann auf mich zukam und mich fragte, ob ich Büroleiterin werden möchte, war ich sehr happy. Ich habe mich riesig gefreut, dass sie mir diese Aufgabe zutraut und meine Arbeit wertschätzt, sodass ich nicht überlegen musste.
Seit gut einem Jahr leite ich nun unser Reisebüro mit acht Angestellten. Angst vor der Verantwortung hatte ich keine, vielleicht, weil ich schon immer gern Verantwortung übernommen habe. Mit 16 Jahren war ich
bereits Service-Leitung im Gastrobereich. Ich habe ein tolles Team. Alle, bis auf eine Kollegin, sind jünger als ich und arbeiten noch nicht ganz so lange in unserem Reisebüro. So war es für sie kein Problem, als ich die Leitung übernahm. Meine Chefin unterstützt mich ebenfalls, wo sie nur kann. Sie vertraut mir und meinen Entscheidungen und ich kann in Ruhe in alle Aufgaben reinwachsen, bis ich das Büro irgendwann komplett übernehme.
Schon jetzt haben wir einiges geändert, wir sind viel digitaler geworden. Was ich noch lernen muss, ist ein gesundes Maß zwischen sozialer Nähe und professionaler Distanz. Das ist nicht ganz einfach. In der Young Stars Academy von TUI Franchise lernen wir sehr viel über unser Auftreten und unsere Rolle. Das hilft sehr. Auch der Austausch mit anderen jungen Führungskräften ist sehr wichtig.“

Melissa Werner (32),
Holiday Land Reisebüro Werner, Bensheim:
„Ich bin im Reisebüro groß geworden und es war klar, dass ich das Familienunternehmen weiterführen möchte. Trotzdem wollte ich erst Erfahrungen außerhalb sammeln. Also habe ich Tourismusmanagement studiert und im Marketing gearbeitet.
Während Corona war es dann so weit: Meine Eltern wollten kürzertreten und unser Reisebüro war bereit für frischen Wind. Seitdem überlassen die beiden mir die Entscheidungen, stehen mir aber immer beratend zur Seite, das schätze ich sehr.
Mein Team hat mich gut aufgenommen. Neben der Azubine bin ich die jüngste Mitarbeiterin. Das weitere Team arbeitet seit über 20 Jahren bei uns und kennt mich seit meiner Kindheit. Diese lange gemeinsame Zeit schafft Vertrauen, aber auch Herausforderungen – wenn persönliche Nähe und wirtschaftliche Entscheidungen aufeinandertreffen. Mein Ansatz ist eine offene Kommunikation – das klappt mal besser und mal schlechter. Ich bin froh, dass wir jungen Führungskräfte bei Holiday Land ein Netzwerk aufbauen. Dort sprechen wir ehrlich über Erfolge und Schwierigkeiten. Das ist hilfreich und zeigt mir: Führung heißt, selbstbewusst zu handeln, Rückschläge auszuhalten und nicht alles persönlich zu nehmen – daran wachse ich jeden Tag.
Trotz aller Herausforderungen macht mir meine Aufgabe Spaß. Besonders stolz bin ich auf die Digitalisierung unseres Reisebüros und unseren neuen Standort. Beides bringt einen Mehrwert für mein Team und unsere Kunden. Ich blicke optimistisch nach vorn: 2025
feiern wir unser 30. Jubiläum bei Holiday Land – ein Zeichen für Tradition und Zukunft zugleich.“
Tipps für junge Führungskräfte haben auch Coach Harald Sontowski von Team Aha und Reisebüro-Trainerin Corinna Klotz parat. So ist es laut Klotz wichtig, zu akzeptieren, dass sich etwas verändert habe – „zwischen dir und den anderen“.


